22. Hilfe, wo kann man dich leiser drehen?

Jeder kennt das, aber niemand möchte es kennen oder haben. Ich spreche in diesem Artikel Mal ausnahmsweise nicht von Fußpilz oder Zungenherpes. Nein! Heute geht es um etwas anderes. Nämlich um laute Menschen: An Orten, an denen man sie nicht braucht, zu Zeiten an denen man sie noch weniger brauchen kann und in einer Form, die Ort und Zeit im Grad des „unpassend Seins“ übersteigen.

Szene 1:
Endlich hat man sich aufgerafft, um an die Uni Bibliothek zum lernen zu gehen. Die erste Hürde ist also geschafft und man hat einen der letzten Plätze, die nicht der Boden sind, ergattert. Nachdem man nach etwa einer halben Stunden sich endlich auf den Lerninhalt konzentrieren kann und nicht bloß schwarze Kleckse auf Papier mit bunten Farben anmalt, passiert es: Chantal, Yasminda und Barbiane betreten den Lesesaal.

Gerade eben habe ich mir noch vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn ich folgende Formel Formel tanzend darstellen würde. Wie dann wohl das „t“ aussehen würde und ob es denn einen Unterschied zu der Variable machen würde, die ich nicht Mal aussprechen oder lesen kann.
Doch plötzlich werde ich aus meinen eigenen Phantasien gerissen und mitten in jene des Barbie-Clubs gezogen.

Ich hätte gerne gesagt, dass mich Justin’s Penisgröße nicht interessiert, dass es mir egal ist, ob Yasminda normalerweise beim Weggehen Unterwäsche trägt oder nicht. Oder ob Barbiane sich beim Sport ihre Extensions extra zusammenbinden muss, da sie sonst einfach aus dem Gesamthaarkonzept ausbrechen.

Szene 2:
Es ist Sonntagnacht und ihr habt euch endlich mit all eurem Gepäck in den überfüllten Zug geschleppt und einen passablen Sitzplatz erwischt, der nicht angekotzt, angebröselt, reserviert oder aktuell dreifach besetzt ist. Ihr macht es euch also bequem und platziert alles so, damit ihr nachdem der Schaffner eure Karte kontrolliert hat, endlich einschlafen könnt. Leider habt ihr etwas übersehen: Die Großfamilie mit drei Kindern, bei denen die Erziehung von Kind zu Eltern verläuft.

Manchen Menschen sieht man einfach an, dass sie nicht nach Montessoripädagogik erziehen, sondern schlicht und einfach nur unfähig sind, ihrer Eherettungs-Kindergruppe Herr zu werden. Und jeder der ihnen in die Nähe kommt, muss das scheinbar unbedingt mitbekommen. Kevin brüllt lauter als meine MP3-Player spielen kann und die kleine Gina-Lisa kraxelt die Sitze neben mir auf und ab und schreit ganze Zeit nach ihrem Bruder „Kevin“. Zum Glück tat sie das, sonst hätte ich niemals erfahren, wessen Spucke meinen Koffer nur knapp verfehlt hat.

Der dritte im Bunde – nämlich Marcel – war hingegen sehr ruhig und artig. Der ca. 3-jährige Junge war die ganze Zugfahrt über in sein Spiel mit dem Handy vertieft, welches ihm sein Vater immer wieder wegnehmen wollte. Mit den Worten: „Marcööö, gib‘ des g’schissane Handy her, sunst poscht’s). Eigentlich wollte ich ja fragen, ob sie denn nicht bitte ihren Kindern sagen könnten, dass diese leiser sein sollen. Doch meine Devise ist immer: „Wenn du von manchen Kindern die Eltern siehst, erübrigt sich oft der Rest und vor allem viele, viele Fragen.“

Szene 3:
Es ist früh morgens und ihr seid sehr glücklich, dass ihr es irgendwie aus dem Bett geschafft habt, ihr euch in eurem Bad noch so zurecht gehübscht habt, sodass euch niemand die letzte Nacht ansehen wird und wollt die Fahrt bis zu eurem Treffen noch halbwegs ruhig verbringen. Außerdem ist es ja früh morgens. Da ist das Einzige was laut sein darf, das Zwitschern der Vögel und das Mahlen der Kaffeemaschine. Aber sicher keine beziehungssüchtigen Dauertelefonierer.

Nun gut. Leider bin ich kein Staat, der Gesetze beschließen darf, also bringen mir meine ausgeschnittenen und fein säuberlich folierten Gesetzestexte, die ich solchen Personen dann immer vorlese, nicht so viel. Also war ich auch an diesem Morgen dazu verpflichtet, der zwischenmenschlichen Tragödie beizuwohnen. Die junge Frau hat während der einstündigen Busfahrt gezählte fünf Mal aufgelegt. Weitere 20 Mal hat sie ihren Partner beschimpft. Davon waren mir 5 Wörter bekannt, die anderen hat sie wohl frisch aus dem Klo gezogen.

Dazwischen rief sie immer wieder ihre Freundin an, um ihr zu erzählen, „was für ein Arsch“ denn ihr Ex nicht sei. Ich war mir nach etwa einer halben Stunde Fahrt nicht mehr sicher, wie denn jetzt der Beziehungsstatus genau lautet. Schade eigentlich, dass sie vor mir ausgestiegen ist, sonst hätte ich wohl möglich noch die Auflösung dieses spannenden Rätsels mitbekommen. Warum muss auch immer ich das Pech haben?

Da ich selbst ein eher ruhiger und rücksichtsvoller Mensch bin, fehlen mir die Erklärungen für solche Leute. Dennoch habe ich erarbeitet, warum manche Leute so dreist, laut und rücksichtslos sein können:

  • Jeden Morgen öffnet sich „Das Tor zur Dreistigkeit“ und dreiste Menschen kriechen empor, um ganzen Tag andere Menschen mit ihrem Rüpeltum zu nerven.
  • In der Zeit, in der solche Leute geboren wurde, gab es noch keine Zivilisation – ähnlich wie in der Steinzeit. Sie können gar nichts dafür.
  • Diese Leute kommen tatsächlich aus einer anderen Zeit (z. B. dem Mittelalter) und sind mit gesellschaftlichen Normen überfordert.
  • Eigentlich wollen sie ja nett, leise und höflich sein, doch sie denken immer im Gegenteil. Das bedeutet: Wären sie leise, nett und höflich, wollen sie eigentlich laut, dreist und unhöflich sein.
  • Die persönliche Ration Höflichkeitpulver, die unhöfliche Menschen schon bei der Geburt bekommt, ist leider aus und jetzt müssen sie ein Leben lang dreist sein.
  • Die Außerirdischen waren da und haben einfach all jene hier auf der Erde ausgesetzt, die ihrem Planeten nur Schande bereiten.
  • Deshalb sind diese Menschen besonders aggressiv, laut und rücksichtslos. Sie wollen sich auf dem fremden Planeten Erde gar nicht anpassen, weil sie ja nicht freiwillig hier sind.
  • Eigentlich sind diese Menschen ganz anders. Sie können nur ihr positives Inneres nicht nach Außen kehren.

Das war es nun auch schon mit meinem Theorien. Und manchmal bleibt einfach nur noch der Wunsch nach einem Knopf, an dem man manche Leute leiser drehen kann. Falls jemand die Zeit hat, so etwas zu erfinden: Bitte tue es! Ich wäre dir in ewigem Dank verbunden.

Sich-sehnende Grüße,
Eure Nicole

spruch-jeder-mensch-macht-mich-gluecklich

©Nicole Inez

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23 Gedanken zu “22. Hilfe, wo kann man dich leiser drehen?

  1. Haha, sehr schön geschrieben! Zum Glück passiert mir das kaum noch, da ich nicht mehr studiere und öffentliche Verkehrsmitel vermeide, wo es nur geht, eben auch aus oben genannten Gründen! 😉

  2. Guten Morgen Nicole, ich habe mir immer weniger Sorgen um laute Menschen gemacht, als um die Lautstärke, die man manchmal im Kopf hat, und die alles niederschreit, was da sonst noch so zu Wort kommen möchte 😉

      • Laute Menschen kann ich immer meiden, in dem ich weg gehe, aber Gedanken, Ängste oder Sorgen kann ich nicht einfach aus meinem Kopf verbannen, selbst wenn ich mich nicht damit beschäftigen möchte. Dann dreht man sich schnell im Hamsterrad, und daraus können dann Depressionen entstehen. Ich habe da leider einige Fälle in meinem näheren Umfeld an denen ich das unfreiwillig beobachten kann. Da sind laute Menschen vielleicht ein Problem, aber das ist wirklich nicht gravierend.

      • Ich finde nicht, dass man laute Menschen immer meiden kann. Zumindest ich nicht. Ich sehe auch nicht ein, dass manche glauben, sich nicht an Regeln halten zu müssen, die in einer Gemeinschaft gelten, zum Schaden und Leidwesen anderer.
        Das Problem, welches du ansprichst, geht in eine ganz andere Richtung, die ich mit meinem Text nicht verknüpfen kann!
        Es gibt sehr wohl Möglichkeiten, seine Gedanken, Ängste, Sorgen zu steuern! Aber respektlose Leute kann man nur gering bis gar nicht steuern.

      • Sicher gibt es langfristige Möglichkeiten Nicole, nur das Problem mit lauten Menschen, die sich rüpelhaft benehmen, bekommt man sicher einfacher in den Griff, und diese sind oft nicht von Dauer, es sei denn, sie sind Nachbarn, oder Arbeitskollegen. Natürlich sind deine angesprochenen Protagonisten nervtötend, aber eben nicht als permanenter Zustand 😉

      • Stimmt, ich liebe die Abwechslung der permanent auftauchenden Respektlosigkeit im Alltag 😉 Manche sind leider wirklich auf Dauer….

    • Hallo lieber Jimmy,
      Vielen Dank für die Nominierung. Das freut mich sehr und ich mache gerne mit! Hab mir die Fragen schon durchgelesen: Sie sind sehr spannend 🙂

      Liebe Grüße,
      Nicole

  3. Wenn man bedenkt, dass Dreistigkeit siegt, sollte man vielleicht einfach die Seiten wechseln und selbst am Lautesten sein… Im Bus z.B. lärmender als die andere Dame telefonieren und sich im eigenen Telefonat über die Dreistigkeit der Schlampe (Neudeutsch: Bitsch) aufregen, das funktioniert garantiert! Meine Empfehlung: ein Alltagsmegafon… 😉

  4. Wenn ich es nicht ausschließen könnte, dass wir neulich im selben Zug saßen, würde ich es ja glatt mal vermuten! „Meine“ wunderbare Familie (memo an mich: nie wieder einen leeren 4er-Platz nehmen, bei dem noch Platz für 3 Deppen bleiben) schuldet mir noch eine Kniescheibe. Und so viel sie auch herumschreien und so viele Worte auch ihren Mund verlassen: „Entschuldigung“ kennen sie dabei nicht.

    Das Schreckliche ist ja auch, dass sowas wie Höflichkeit und Rücksichtnahme nicht nur nicht geschätzt, sondern teilweise sogar abgewertet wird. Ellbogen stehen eben hoch im Kurs. Oder die Kniecheiben fremder Leute.

    • Gleich vorweg: Deine Memo ist wirklich gut und ich werde daran auf jeden Fall bei der nächsten Zugfahrt denken 🙂
      Es wäre aus mehreren Gründen toll gewesen, wenn wir im selben Zug gesessen wären…. Einer davon ist der, dass wir so die „lustigen Leute“ eingrenzen könnten. Aber ich befürchte, die gibt es so zu Hauf xD
      Das stimmt… Ich bin sehr höflich erzogen worden und würde das auch so weitergeben…. Bin aber deshalb (und weil ich noch dazu introvertiert bin und das gerne) schon oft mit Ellbogen zur Seite gedrängt worden. Bzw. waren solche Leute dann auch noch überrascht, dass sich ein so höflicher Depp wie ich sofort wehrt, wenn es zu bunt wird. 😉

  5. Die Theorie mit den Aliens hört sich für mich extrem plausibel an…

    nein, ehrlich. Toller Artikel, und voll auf den Punkt XD Mir ist auch noch keine Idee gekommen, wie man diese Leute ausschalten kann. Nur einmal hat es wohl funktioniert, als eine Frau sich im Theater in der Reihe hinter mir das ganze Stück lang durchgehend mit ihrem Sitznachbarn unterhalten hat. Ich habe ewig über einen Kommentar nachgedacht, mit dem ich sie zum Schweigen bringen kann. Schließlich habe ich gesagt: „Das muss ja furchtbar für Sie sein, dass Sie nicht auf der Bühne stehen.“
    Das war die einzige Situation, in der ich jemals erfolgreich war. In all den anderen durfte ich ich einfach nur wüst beschimpfen lassen…

    • Jaja, die Alien-Theorie 😀
      Vielen Dank 🙂
      Ich musste herzlich lachen über die von dir getätigte Aussage im Theater…. 😉 Finde ich echt gut!!! Vor allem, weil ich in solchen Situationen meist nicht cool reagiere, sondern grantig und verbal-aggressiv 😀

      Echt traurig, dass man sich beschimpfen lassen muss von Menschen, die SELBST den Fehler begangen haben…

      • Danke 🙂 Aber da konnte sie ja auch schlecht schimpfen, weil sonst hätte sie einen richtig harten shitstorm kassiert XD Ja…finde ich auch, aber dann wäre es auch komisch, wenn dreiste Menschen plötzlich ganz still würden, und sich entschuldigen würden. Ich fühle mich auch gerade deshalb in England ein bisschen wohler.

      • Stimmt auch wieder 😀 Also muss man scheinbar den richtigen Moment abwarten, um die Person zu „treffen“ 😉
        Fazit: Dreiste Menschen sollten einfach auf den Mond auswandern oder so….. Ich habe da leider echt null Verständnis dafür :-/
        Ist es denn in England anders mit dreisten Personen?

      • Gute Idee. Obwohl wir dann eine Andauernde Mondfinsternis hätten, weil sich der Mond vielleicht sofort ausschalten würde. Naja, ich habe hier noch keinen dreisten Menschen erlebt. In der Regel entschuldigen die sich hier für Dinge, wo ich mir denke: Hä? Was ist denn überhaupt gerade passiert?

      • Hahaha xD Das ist möglich, ja!!!
        Wow, echt jetzt? Das klingt total nett…. Würde ich mir hierzulande auch wünschen…. Wobei dann vielleicht mein Blog einseitiger wäre 😉

Platz für wertschätzend formulierte, reflektierte, zum Thema passende und nicht romanartige Äußerungen!

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