26. Wo haben Sie sich Ihnen lehren gelernt, Sie?

Es ist Montagmorgen 8.30 Uhr. Ein Auge ist noch halb zu, das andere versucht ihr gerade von dem Rest der Wimperntusche vom Wochenende zu befreien. Auf euer Hand seht ihr noch den Stempel vom Club, in dem ihr lieber bis Dienstag geblieben wärt, damit ihr nicht in dieses Seminar heute müsst. Doch das Studium sieht es nun Mal vor, dass diese Veranstaltung samt „Vortragendem“ Pflicht ist. Also müsst ihr hier sein – zumindest körperlich. Denkst du zumindest.

Kaffee und Frühstück ging sich nicht mehr aus, da ihr eigentlich ohnehin schon eine halbe Stunde zu spät gekommen seid, weil eure Motivation einen Striptease in einer abgelegenen Dorfkneipe macht. Also sucht ihr euch den letztmöglichen Platz in der letztmöglichen Reihe. Wenn ihr noch eine Reihe weiter zurückgerutscht wärt, dann wärt ihr unabsichtlich aus dem Fenster gesprungen. Zum Glück ist der Leerkörper (JA, das ist ein Rechtschreib- aber kein Gedankenfehler) ebenfalls zu spät und kommt erst in den Raum, als ihr euch bereits Handy, Kuchenreste aus der Tasche, Kreuzworträtsel und Lektüre zurecht gerückt habt.

Ihr wisst aus den letzten Stunden, dass ihr ihm nicht folgen könnt: Weder in Gedanken, noch sonst wo hin (Er hat euch aber auch bisher noch nie gefragt, ob ihr das möchtet).

Nun kommt eine persönlichere Note:
Solche Einheiten sind zwar oft sinnvoll, da ich in meinem Fall mir dann meine Nägel lackieren kann, oder meine Ideenliste für den Blog erweitern, oder Streitgespräche per Mail mit inkompetenten Firmen führen kann. Meine Phantasie nimmt mich dann oft an der Hand und es kann auch passieren, dass ich einschlafe (so wie einmal damals in der Schule, als ich versabbert und wirr von meiner Mathe-Lehrerin geweckt wurde)

Seit letzter Stunde hat jedoch der Professor, Dr. Dr. Dr. Mag. Dipl. Ing. beschlossen, dass jeder, der sich zu Wort gemeldet hat, nach der Einheit nach vorne kommen muss und sich in eine Liste eintragen. Das freut mich irgendwie, da ich mich nun sehr gut betreut fühle – so wie damals im Kindergarten. Deshalb heißt dieser Professor nun Tante Erna für mich. Tante Erna ist ein Mensch der Sorte Mensch, der sich weder ausdrücken, noch durchsetzen kann und deshalb zu Strafvollzug-Maßnahmen greifen muss. Deshalb darf er wahrscheinlich an der Uni tätig sein.

Damit ihr ungefähr ein Gefühl dafür bekommt, wie Tante Erna vorgeht, wenn sie einen gesamten Hörsaal in Trance versetzt, werde ich euch einen Ausschnitt bzw. einen Live-Bericht (der in einer Einheit entstanden ist) präsentieren.

 

Hypnose im Hörsaal – Versuch erfolgreich

Wozu Hypnotiseure erst nach einigen Jahren Ausbildung fähig sind, gelingt ihm innerhalb kürzester Zeit. Die Gabe, Menschen in einen tranceartigen Zustand zu versetzen, wurde ihm scheinbar in die Wiege gelegt.

Die Sitzung beginnt meist mit monotonen Worten, die die Teilnehmer der Lehrveranstaltung langsam auf den Trancezustand vorbereiten sollen. Außerdem versucht der Vortragende möglichst oft Wortwiederholungen zu verwenden. Damit möchte er sichergehen, dass keine Spannung aufkommt. Spannung könnte nämlich wiederum zu aktiver Mitarbeit und aktivem Zuhören verleiten. Das gilt vermieden zu werden, Ziel ist es ja schließlich eine innere Ruhe zu erzeugen.

Zur Entspannung der Sehmuskeln, werden Folien, die meist Bilder enthalten, auf die Wand projiziert. Der Text auf den Folien ist fast immer ident mit dem Gesagten. Das ist eine weitere Entspannungsübung, die erreichen soll, dass sich die Teilnehmer nicht auf das Gesagte, sondern auf sich selbst konzentrieren.

Es muss beachtet werden, dass der Mentor allwissend, sowie allmächtig ist und deshalb nicht mit Fragen genervt werden möchte. Außerdem ist es nicht Sinn und Zweck des Seminars zu denken, sondern sich schlicht und einfach zu entspannen. Deshalb kann es schon mal passieren, dass man bei Fragen eine etwas abwertende Antwort erhält oder einen schiefen Blick zugeworfen bekommt.

Bis man jedoch den Alpha – Zustand (der Zustand zwischen Schlaf und Wach sein) erreicht, gibt es eine Liste banaler Dinge, über die man sich Gedanken macht. Wie z.B.: Was esse ich heute zu Mittag? Welche Farbe soll ich zum Lackieren meiner Fingernägel verwenden? Weitere sind nicht ausgeschlossen.

Dieser Trance-Zustand ist für alle Teilnehmer das Schönste am Seminar. So können sie das Gesagte zwar hören, müssen sich jedoch nicht mit verwirrenden Fakten quälen, da sie diese nicht mehr wahrnehmen.

Mit den Worten „Pause“, „Schluss für heute“ und „Auf Wiedersehen“ werden alle wieder aus ihrem Schlummern befreit.

Walzeraffen

© Nicole Inez

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Ein Gedanke zu “26. Wo haben Sie sich Ihnen lehren gelernt, Sie?

  1. Ich traf einst auf einen Prof, der über die seltene Gabe verfügte, auch das langweiligste Thema von der ganzen Welt hyperspannend zu machen – nur andersherum.
    Mein Rekord liegt bei 3 am Stück besuchten Vorlesungen. Dieser Mann ist der schwarze Fleck auf meiner blütenweißen Unikarriereweste, *schluchz*

Platz für wertschätzend formulierte, reflektierte, zum Thema passende und nicht romanartige Äußerungen!

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