Die Wahrheit: Was ist Pubertät wirklich?

Es ist alles in Ordnung, Mama und Papa dürfen sagen, wo es langgeht, ältere Geschwister werden als Vorbild gesehen, Regeln sind da, um eingehalten zu werden. Doch plötzlich passiert es. Die Veränderung beginnt schleichend und ist dennoch rasant: Aus Mimi wird Mim ey, aus Horsti: Horst ey yo yo. Weil: YOLO (Anm.: You only live once; Jugendslang). Durchschnittlich zwei Jahre vorher die Mädchen, danach die Jungen. Was nach einer Geheimbund-Verschwörung mittleren Grades klingt, ist nichts anderes als die Pubertät.

Ich habe mich mit dem Thema bis vor etwa zwei Jahren nur theoretisch aus Lehrbüchern auseinandergesetzt, oder in kurzen Unterrichtseinheiten oder Projekten, in denen ich mit Jugendlichen gearbeitet habe. Seit es mich jedoch privat betrifft, sieht die Sache schon anders aus. Wenn man von der coolen Schwester plötzlich zu einem wandelnden „Ichregistrierezwardassdulebstaberesistmirherzlichegal“ degradiert wird, ist das schon Anlass, sich seine eigenen Gedanken zum Phänomen der Pubertät zu machen. Und natürlich ein guter Grund, sich selbst zu bemitleiden.

Das Buch, welches ich mir am Anfang meines Studiums um etwa 60 Euro gekauft habe, hat auch ein Kapitel über die Pubertät. (Kein Wunder, es ist ja auch eines über Entwicklungspsychologie). Auch wenn ich immer dachte, mein kleines Geschwisterchen wird diese Phase überspringen bzw. für immer Kind bleiben – so wie die Katze meiner Träume auch immer ein flauschiges Babyknäuel bleiben wird. Bamm! Wham! Wumm! Die Realität ist bitter und stellt einen vor Erkenntnisse, die man selbst durch leugnen nicht leugnen kann. (Ich sehe schon, ich werde bald große Philosophin der Weltmeere) (hä?)

Ich war ein schwieriges Pubertierendes und habe jegliche Grenze überschritten, die mir gesetzt wurde. Plötzlich waren da Männer, die bis dahin scheinbar nicht auf der Erde wohnten, sondern auf dem Mars. Da waren verrauchte Diskotheken, die ich einmal als Kind betreten hatte und die mich beängstigt und verstört hatten. Doch mit einem Schlag waren sie meine zweite Heimat. Schokolade schmeckte nicht mehr und Zigaretten wurden zur Hauptmahlzeit. Das fand ich cool und ich war auch cool, auch ohne Ausartungen. Das hat mir nur niemand gesagt.

Weil ich ein sehr braves Kind war, musste ich mich ausgleichen und suchte mir die ärgsten Gleichaltrigen aus, die es auf dem Dorfe gab, damit ich nicht im Erwachsenenalter die Sorge haben müsste, dass ich etwas verpasst hätte. Meine Umgebung war schockiert, dass ich „so“ sei, denn das kannte niemand. Ich fühlte mich damals, als würde ich von einem wilden Pferd geritten und bereue keine einzige Minute meiner wilden Jahre (die erst letztes Jahre geendet haben – egal).

Doch woran liegen diese Veränderungen? Warum werden unsere Butzibabies zu teils wandelnden Zombies? Das Buch Entwicklungspsychologie von Laura E. Berk meint, es liege vor allem daran:

– Hormonelle Veränderungen: Diese beginnen schon mit 8-9 Jahren. Das liegt daran, dass der Körper mehr Wachstumshormone und Schilddrüsenhormone ausschüttet. Deshalb wachsen Pubertierende in dieser Phase auch enorm. Bei Buben kommt nun mehr und mehr Testosteron ins Spiel, bei Mädchen Östrogene. Dies führt zur Reifung der Geschlechtsorgane.

– Körperwachstum: Bezeichnend für die Pubertät ist der Wachstumsschub. Mit 14 Jahren werden Mädchen in der Größe von Jungen überholt. Das Wachstum ist bei Mädchen mit etwa 17 Jahren abgeschlossen, bei Buben mit etwa 18.

– Motorische Entwicklung: Die Leistungen der Grobmotorik verbessern sich. Bei Mädchen sind die Zuwächse graduell und flachen bei 14 Jahren ab. Bei Jungen verbessert sich die Stärke, Geschwindigkeit und Ausdauer kontinuierlich.

-Sexuelle Reifung: Die primären Geschlechtsmerkmale (Eierstöcke, Hodensack…) und die sekundären (Brüste, Achselhaare) beginnen zu reifen. (Gott bewahre, dass vom heutigen Tag an auch Perverse durch diese Wörter auf meine Seite über google kommen!)

Wie man sieht, tut sich hier in sehr kurzer Zeit, sehr viel. Ein ehemaliges Kind, wird von nun an mit der Reifung zur Frau/zum Mann konfrontiert. Alles verändert sich und man muss sich seinen Platz in der Welt finden und sich selbst. Keine leichte Aufgabe. Freunde gewinnen einen neuen Stellenwert und man verbringt seine Zeit viel lieber mit seiner Peergroup, als mit seiner Familie. Das alles sind wichtige Prozesse, damit sich das Kind auch abnabeln kann und autonom wird. Wenn diese Phase übersprungen wird, kommen seltsame Erwachsene raus.

Beispiele: 50-Jährige, die jeden Tag Party machen und sich aufführen, als gäbe es kein morgen mehr. 30-Jährige, die denken, sie könnten sich alles erlauben, die nicht fähig sind, Verantwortung zu übernehmen. 35-Jährige, die noch immer zuhause bei Mutters wohnen, weil sie es nicht geschafft haben, auf den „Hey-ho-du-bist-jetzt-erwachsen“-Zug aufzuspringen. Böse (oder ehrliche) Zungen würden behaupten, die Generation Y hat es niemals geschafft, von der Pubertät ins frühe Erwachsenenalter zu kommen. Und nein liebe Horstilie, ich spreche nicht dich persönlich an. Nur weil du dich trashy findest oder es wirklich bist, kann ich nichts dafür. (Ich hoffe, hier liest keine Horstilie mit, denn ich kenne nicht Mal eine).

Den richtigen Umgang mit Kindern in der Pubertät zu finden, ist nicht immer leicht. Vor allem nicht, wenn sie einem nahe stehen. In meinem Fall hat sich der Umgang miteinander sehr verändert. Aus einem kleinen Geschwisterchen, das der großen Schwester nie von der Seite wich, wurde eine distanzierte Beziehung, die aus aufgerundet 30 Sätzen pro Monat besteht. Das Seltsame an Menschen ist, dass sie immer glauben, dass manche Dinge sie nie betreffen werden. Bis sie dann da sind. Ich wundere mich oft, warum ich mich ernsthaft über den Verlauf oder Ablauf menschlicher Zyklen oder sonstiges wundere.

Da ich schon seit 10 Jahren studiere und ich mein Entwicklungspsychologie-Buch von meinem Haussklaven aus dem Keller holen lassen musste, habe ich mir in den letzten zwei Jahren ein paar Erklärungen zusammengesponnen, warum Kinder ab etwa 12 so komisch und anders werden. Hier könnt ihr sie nachlesen:

  • In der Muttermilch war keine Muttermilch, sondern Gin Tonic. Die Auswirkungen zeigen sich jedoch erst 12 Jahre später.
  • Pubertät ist eine Krankheit, die nur bei jedem 3. Kind ausbricht. Mein Geschwisterchen wird davor beschützt, weil es katholisch ist.
  • Pubertät gibt es nur in schlechten Filmen. Die Realität ist ein schlechter Film und ich muss nur den Kanal wechseln, bevor Geschwisterchen 12 wird.
  • Es gibt eine Verschwörung gegen Kinder: Jemand hat was gegen sie und flößt ihnen mit 12 Wankelmut, Respektlosigkeit, Lethargie, Coolness, Grenzüberschreitungswillen, Alkoholbedürfniss, Lust auf Sex usw. ein.. Sie können nichts dafür.
  • Ich trinke zu viel (oder zu wenig) Alkohol und bilde mir dieses Phänomen nur ein.
  • Ich bin so cool, dass Jugendliche mich auch als cool und gleichgesinnt sehen (Der größte Irrtum der Menschheit seit Bestehen).
  • Nur meine Freunde und ICH waren in der Pubertät, alle anderen sind und waren davon ausgenommen.
  • Wenn ich mir die Augen vor das Gesicht halte, hört Geschwisterchen auf, pubertär zu sein.
  • Es ist noch soooooo lange hin, bis Geschwisterchen pubertär wird.
  • Es ist sicher nur eine kurze Phase, dann ist Geschwisterchen wieder wie immer. (Es hat durchaus Vorteile, wenn man sich selbst täglich in Naivität badet).

 

Alle, die bis hierhin gelesen haben, werden mit einem spannenden Fakt belohnt: Pubertät und wie sie sich zeigt, ist kulturabhängig.

 

In diesem Sinne,
Postpubertäre Grüße,
Eure Nicole

Nicoletrinkt

Text und Idee: Nicole Inez

 

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16 Gedanken zu “Die Wahrheit: Was ist Pubertät wirklich?

  1. dann werde ich mich jetzt hier mal erleichtern …..als Mutter von vier kindern und sechsfache Oma weiß ich nur zu gut wie aus den ehemaligen Engelchen auf einmal wahre Monster entstehen ….. ein Trost bleibt : auch die werden mal Eltern und dann bekommen sie es doppelt zurück …. 🙂

  2. Raaaah, und wo es gerade richtig spannend wird, hörst du auf?! Ich will mehr über die kulturellen Unterschiede wissen!
    Bitte um Fortsetzung, Frau Psychologin der Weltmeere.

    (Ich fand eigentlich nur Kind2 etwas mühsam in der Pubizeit. Kind1 und 3 gar nicht. Nr.4 ist gerade drin, aber auch unkompliziert und Nr.5 steckt noch in der Trotzphase. DIE fand ich bei allen viel schlimmer. Gibt es eine Studie, ob sich das evtl ausgleicht. Anstrengende Trotzer, nette Pubis und umgekehrt? Oder so? Das käme nämlich hin bei meinen…)

    So oder so, interessantes Thema. 🙂

    • Schön, dass dich dieser Punkt besonders interessiert. Da es generell großes Interesse an diesem Thema gibt, werde ich im April einen Beitrag dazu verfassen.
      Wow, also hast du gerade von allem etwas?! 😀 Ich hol mir diese Vielfalt derweil noch im Job….. Das kann ich auch recherchieren, ob es da Zusammenhänge gibt, denke aber eher nicht…. 🙂

      • Ja, also die zwei Grossen sind schon raus und auf dem besten Weg, dass man sie als erwachsen bezeichnen kann. Ich finde die Entwicklung extrem spannend.

  3. Es ist so schwer, erwachsen zu werden, auch jenseits der 30. Will man das überhaupt? Nicht, dass ich mich als ein pubertierendes Monster sehe, gewiss nicht, denn sonst wird das ja nichts mit unserer angestrebten Weltherrschaft, aber der Rock’n’Roll hält jung und träumen darf man auch im Erwachsenenalter. LG, Gérard

    • Ich bin bei Gott nicht erwachsen im Sinne des erwachsen Seins…. Jeder Mensch hat viele Anteile (Inneres Kind, Jugendlichen, Kritiker,….) Für mich ist es einfach ein deutliches Zeichen von Erwachsenen, dass sie Verantwortung übernehmen können. Alles andere ist für mich Ewigpubertierende(r) und unerträglich im ernsthaften Miteinander!
      Oha, ja danke für’s Erinnern: Die Weltherrschaft steht ganz oben auf der Liste 🙂

      LG Nicole

      • Ein erntshaftes Miteinander ist natürlich gut und wichtig und in der Tat während der Pubertät kaum möglich. Insofern bin ich wohl auch über dieses Stadium hinweg. LG, Gérard

  4. Zu genial. Ja, das waren Zeiten. Zum Glück ist es vorbei. Diese ständige Selbstüberschätzung und der Glaube, man sei der Mittelpunkt des Universums, sind echt anstrengend. Gut, das ist bei mir jetzt immer noch so, aber der Unterschied ist, dass ich es jetzt auch weiß. 😉

    Ich bin echt schön gespannt, was bei meinen Söhnen sein wird, wenn diese in die Pubertät kommen. Hoffentlich wird das keinen bleibenden Schaden anrichten in der Beziehung zwischen ihnen und mir.

    Die Auswirkungen sind also kulturell unterschiedlich? Gibt es da Beispiele? Und warum ist das so?

    Liebe Grüße

    Yannick

    • Haha ja, das ist bei mir auch so, dass ich denke, der Mittelpunkt des Universums zu sein. Jedoch ohne Selbstüberschätzung 😉 Haha
      In der Jugend ist ja bekanntlich das Schwanken im Selbstwert der „Hund“. Der ist da noch nicht stabil, gleich wie die Identität. Für mich persönlich ist es auch gut, dass ich nun erwachsen bin 🙂 Endlich stabil…
      Wie alt sind sie denn? Ich denke, das Wichtigste ist, dass man offen, aber konsequent ist und das Vertrauen muss passen. Das erarbeitet man sich aber schon weit vor der Pubertät!
      Bezüglich der kulturellen Unterschiede, werde ich im April einen eigenen Artikel schreiben, da hier großes Interesse besteht.
      Es geht hier viel um Werte, Erziehung, etc. Damit ich keinen Müll verzapfe, muss ich mein schlaues Buch heranziehen…..

      Liebe Grüße,
      Nicole

Platz für wertschätzend formulierte, reflektierte, zum Thema passende und nicht romanartige Äußerungen!

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