Warum muss man immer was bereuen müssen?

Unsere Gesellschaft ist in mancherlei Hinsicht sehr simpel aufgebaut, obwohl gewisse Konstrukte doch sehr komplex sind, da sie sehr tief in unserem Glauben verankert sind. Eines dieser mächtigen Gebilde ist die Reue. Sie ist sehr umfassend und kann sich tief in die Seele fressen. Das Ergebnis endet nicht selten in einer psychischen oder einer körperlichen Erkrankung. Doch worum geht es bei Reue? Und welche Art von Reue meine ich?

Meiner Ansicht nach, gibt es zwei Arten von Reue. Die gesunde Version sieht für mich so aus: Ich verletze eine andere Person durch mein Verhalten, bewusst oder unbewusst und bereue es, weil es einfach nicht ok war. Das ist für mich als Psychologie-Studentin eine gesunde Form der Selbstreflexion, Persönlichkeitsentwicklung, Empathie und Teil der sozialen Kompetenz. Wenn ein Mensch keine Reue empfinden kann, ist das alarmierend.

Dann gibt es die zweite Art der Reue. Nämlich die krankhafte Version. Warum krank? Weil uns die Lifestyle-Welt vorgaukelt, man kann sowohl Dinge bereuen, die man getan hat, als auch Dinge, die man nicht getan hat. Na was jetzt? Soll ich jetzt bereuen, dass ich mich dazu entschieden habe, Karrierefrau zu werden, oder soll ich es bereuen, Kinder bekommen zu haben und ihretwegen auf eine steile Karriere verzichtet zu haben? Es gibt Milliarden von dichotomen (zweiseitigen) Entscheidungen. Jede Seite könnte man bereuen. Diese Kluft tragen wir alle in uns.

Wäre es nicht besser gewesen, wenn ich….? Wäre es schlechter gewesen, wenn? Sollte ich denn nicht lieber…? Sollte ich denn nicht lieber nicht? Was wäre gewesen wenn….?  Was wäre denn gewesen, wenn nicht? Warum habe ich mich nur auf ihn/sie eingelassen? Warum habe ich bloß? Warum habe ich bloß nicht? Hätte, wäre, warum. Worte, die uns tagtäglich begleiten. Worte, die so viel Macht haben, obwohl sie bei näherer Betrachtung sinnlos sind, wenn man sie dazu verwendet, Geschehenes zu drehen und zu wenden.

Ich erlebe sowohl in Beruf, als auch privat sehr oft, dass wir Menschen Entscheidungen gerne aus dem Weg gehen. Denn man könnte sie bereuen. Es gibt so viel, was wir bereuen, was wir hätten anders, besser machen hätten können. Und doch haben wir so entschieden. Oder Schmerz: Niemand will sich auf Schmerz einlassen, obwohl er eine wertvolle, phasenweise notwendige und äußerst Gewinn bringende Erfahrung sein kann. Es sei denn, man lässt sich darauf ein. Doch es gibt hunderte von Möglichkeiten, ihm auszuweichen: Drogen, Alkohol, Sex, Arbeit,….. Um nur die Gängigsten zu nennen.

Eine Geschichte:

Vor längerer Zeit lernte ich Sarah kennen. Sie erzählte mir eine Geschichte. Ihre Geschichte, die meine Sicht auf die Dinge für immer verändern ließ. Sarah war eine junge, attraktive Frau, die Männer in ihren Bann zog und sie danach fallen lies. Sie jedoch konnte niemals fallen, da sie immer mit einem Fuß auf dem Boden blieb, egal wie stark sie die Schmetterlinge nach oben zogen. Sie hatte das so gelernt, sie kannte keine Liebe und hatte Angst vor ihr. Deshalb konnte sie ihr Leben kontrollieren. Das machte sie sehr traurig und einsam, aber sie wusste, dass sie niemals leiden würde, weil das Schweben über dem Boden ihr so vertraut und sicher schien.

Das konnte sie jahrelang. Bis sie eines Tages auf Liam traf. Er wirbelte ihr Leben auf. Er zog ihr den Boden unter den Füßen weg und ihr Herz an sich. Er war so anders. Er war wie sie. Liam erzählte ihr die schönsten Geschichten und Sarah wusste insgeheim, dass sie nicht stimmten. Sie wusste, dass er sie nach Strich und Faden betrog und dass er niemals ihr allein gehören würde. Doch sie blieb. Alle ihre Freunde rieten ihr, sich von ihm zu trennen. Und das so schnell wie möglich. Sie empfahlen ihr, seine Nummer zu löschen. Seine Nachrichten, alles was sie miteinander verband und nicht mehr nach ihm zu sehen. So geht man damit um, wenn man sein Herz beschützen möchte. So sollte es sein. Man stellt sich dem Schmerz nicht. Man geht daran vorbei.

Doch Sarah fühlte, dass sie das nicht wollte. Noch nicht. Sie wollte nicht davonlaufen, sondern kopfüber in den Schmerz springen. Sie wollte es nicht bereuen, nicht getan zu haben. Irgendetwas in ihr sagte: „Lass dich darauf ein. Der Gewinn des Lebens wird hoch sein. Aber wenn du den Schmerz umgehst oder betäubst, wird er dich ein Leben lang verfolgen. Lass dich voll darauf ein. Lass dein Herz brechen, damit es heilen kann.“ Als sie diese Ansicht mit anderen teilte, hielt man sie bald für verrückt. Am Ende wollte niemand mehr die Geschichte hören. „Trenn dich doch.“ „Geh weg und hab Spaß.“ „Vergiss ihn.“ „Lösch seine Nummer.“ „Such dir einen Besseren.“

Bis zu Liam hatte sie diese Ratschläge so verinnerlicht, dass sie von Mann zu Mann stolperte. Sobald es ein wenig weh tat, betäubte sie sich. Sie trank, sie feierte, sie wechselte den Partner. Niemand konnte ihr was anhaben. Niemand, auch nicht sie sich selbst. Doch Liam war gleich wie Sarah. Er wollte sich nicht einlassen, er spielte ihr Spiel. Nur dieses Mal war nicht Sarah, sondern er Kapitän. Er verletzte sie, versetzte sie, betrog und demütigte sie. Schmerz für Schmerz litt sie. Erkenntnis für Erkenntnis machte sie denselben Fehler. Monat für Monat, Jahr für Jahr. Während ihre Freundinnen eine „gute“ Beziehung nach der nächsten hatten, litt sie. Doch sie wollte ihr Leid nicht mehr durch ihr Leben schleppen. Nicht mehr von Beziehung zu Beziehung. Sie wollte ihr Herz offen tragen, bis es komplett auseinander bricht.
Bis zu dem Moment, an dem es beginnen würde, sich neu zu formen.
Bis zu dem Moment, an dem sie den Schmerz bis zu letzten Tropfen ausgetrunken hatte. Bis  zu dem Moment, an dem es hier nichts mehr zu fühlen gab.
Bis zu dem Moment, an dem sie ihn sieht und weiß, was Liebe wirklich bedeutet.
Bis zu dem Moment, an dem sie bereit war, für die Liebe den Boden zu verlassen.

Vielleicht versteht man nicht, was ich mit der Geschichte sagen möchte. Ich habe das Thema der Liebe gewählt, da sie wahrscheinlich jedem schon Mal begegnet ist. Was ich damit sagen möchte: Jede Entscheidung, jede Begegnung, jeder Schmerz und jede Erfahrung, hat uns zu dem Menschen gemacht, der wir hier und heute sind. Wir können in dem Moment kein anderer sein, weil wir erlebt haben, was wir erlebt haben. Die Begegnungen haben uns aufgezeigt, wer wir waren, wer wir nicht sein wollten und wer wir gerne wären.

Böse Menschen haben uns gezeigt, wie wir nicht sein wollen, dass wir stolz sein können, nicht so zu sein. Sie haben uns gezeigt, wo unsere Grenzen sind und woran wir an uns selbst arbeiten können. Fehler haben uns gezeigt, dass wir künftig etwas anders machen können. Sie haben uns den Blick für neue Optionen geöffnet.

Warum also bereuen, was wir in der Vergangenheit nicht so gemacht haben, wie wir es heute tun würden? Warum nicht heute damit anfangen? Warum es nicht einfach ruhen lassen und akzeptieren? Warum die Gegenwart mit der Nicht-Veränderbarkeit der Vergangenheit belasten? Warum nicht einfach stolz sein, auf die Person, die man ist? Nämlich die Person, die von der ersten Minute eures Lebens immer an eurer Seite ist und in jedem Augenblick das zur der Zeit Bestmöglichste getan hat: Ihr selbst!

Jede Entscheidung in unserem Leben hat genau so viel Sinn, wie wir ihr geben.

 

Liebe Grüße,
Eure Nicole

 

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Text und Idee: Nicole Inez

 

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11 Gedanken zu “Warum muss man immer was bereuen müssen?

  1. Hallo Nicole,
    wieder ein Mal ganz toll zu lesen.
    Ich für mein Teil sehe es so wie du. Ich habe schon seit langem aufgehört alles zu hinterfragen und zu bereuen was ich in der Vergangenheit falsch gemacht habe oder wieso mir dies oder das wiederfährt. Ändern kann ich es ja eher nicht, also einfach nach Vorn schauen und versuchen es besser zu machen. Vorausgesetzt es liegt in meiner Macht.
    Liebe Grüße
    Vika

    • Hallo Vika,
      Danke für dein Kommentar und deine netten Worte! 🙂
      Da gebe ich dir Recht, besser machen ist das einzige, das im Hier und Jetzt verfügbar ist! Vergangenes nicht.

      Liebe Grüße,
      Nicole

  2. Liebe Nicole,
    ich habe irgendwo in einem Blog in den Kommentarfeldern auf nicoleinez geklickt, und schwupps war ich hier. Dieser Artikel hat mir gut getan. Eine sehr gute „Anleitung“ mit Reue umzugehen, beziehungsweise mit den Dingen, die wir bereuen.
    Ich bin nicht sicher, ob ich es vollständig umsetzen kann, aber es bringt mich wieder einen kleinen Schritt weiter. Danke dafür!
    Gruß Heinrich

    • Hallo Heinrich,
      Das freut mich, dass du auf meinen Blog gefunden und ein Kommentar hinterlassen hast 🙂
      Ich denke, es immer wieder zu versuchen und nicht aufzugeben, ist schon Gold Wert!
      Bitte, sehr gerne 🙂

      Liebe Grüße,
      Nicole

  3. Das ist genau das, was ich unermüdlich (wenn auch nicht immer erfolgreich) übe: Herz offen halten! Immer! Für Alles! Für Jeden! Nicht weglaufen – jede einzelne Erfahrung und Herausforderung lieben!

  4. Habe diesen Beitrag verschlungen und kann ihn nur unterstreichen! Auch den Exkurs in die Liebe fand ich sehr schön: Ein jeder muss für sich selbst und individuell herausfinden, wie weit es manchmal auch nach unten gehen darf und inwieweit man auch einfach mal akzeptiert, dass man temporär (ebenso individuell) leidet und verzweifelt ist, weil man geliebt hat.
    LG Sandra

    • Hallo Sandra! Super, das bestärkt mich in meinem Glauben, auch wenn ich oft das Gefühl habe, ziemlich allein damit dazustehen….
      Sehe ich genauso wie du! Wichtig finde ich, dass man überhaupt lieben kann….

      LG Nicole

Platz für wertschätzend formulierte, reflektierte, zum Thema passende und nicht romanartige Äußerungen!

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