Tinder – Resumee und Selbsterkenntnis

Die Geschichte hinter der Geschichte, wie ich eigentlich zu der Datingapp „Tinder“ gekommen bin, ist mindestens genauso ulkig, wie die App, die in meinen Breiten nur als „F…-App“ bezeichnet wird. Ich weiß nicht mehr wie lange ich Tinder installiert hatte und wie oft wieder gelöscht und neu installiert. Weiters habe ich auch keine Ahnung, mit wie vielen Männern ich dort tatsächlich geschrieben, wie viele ich gemeldet habe und wie viele psychisch interessante Männer es insgesamt waren, denen ich meine wertvolle Zeit geschenkt habe.

Damit ihr meine Beziehung zu Tinder von der ersten Minute an live mitverfolgen könnt, werde ich euch zuerst von Beginn an beginnen (ich denke, das klingt logisch und schlüssig, oder?). Wem es bisher entgangen ist, hier eine kleine Auffrischung in Nicole-Kunde: Ich habe 2014 Poetry Slam gemacht. Dort habe ich sogar Mal einen Text performt, in dem es darum ging, wie sinnlos ich Online-Dating finde und wie peinlich es mir ist, es ernsthaft ausprobiert zu haben. Aber nun gut, darum geht es hier gerade nicht.
Tinder war mir zu der Zeit noch kein Begriff (was so viel heißt wie, dass mir „schlimmer geht immer“ noch nicht bewusst war). Ein Slam-Kollege von mir, war ein recht von sich selbst überzeugter Typ und scheinbar der Meinung, er müsse Gedichte über all seine Bett- und Dating-Geschichten in leicht Frauen verachtender Weise, zum Besten geben. In jedem zweiten seiner Texte kam das Wort „Tinder“ vor (vielleicht las er auch immer denselben Text, ich weiß es nicht). Auf jeden Fall habe ich 2014 so oft von der App gehört, dass ich mich dann 2015 das erste Mal angemeldet habe.

Es war ein echt heißer Sommer und ich war anfangs wirklich sehr begeistert von dieser Applikation. Sie ist in etwa so, als würden einem in einem Lokal plötzlich 50 Typen gleichzeitig ansprechen. Was in meinen damaligen Gedankengängen einfach die  Chance erhöhen sollte, dass sich darunter etwas Passendes finden würde. In der Realität war ich jedoch ziemlich überfordert (nicht mit der Wisch-und-Weg-Technik sondern) mit dem Überangebot an Männern. Begeistert hat mich als schüchterne, vielbeschäftigte Frau jedoch wirklich, dass man so schnell mit so vielen Männern, die noch dazu teilweise wirklich gut aussehen, in Kontakt treten kann. Wer denkt da nicht an eine Win-Win-Situation?

Dass sich dieses Überangebot schon bald als Quantität herausstellen würde, war mir damals noch nicht bewusst. Ich habe jeden Tag voller Neugier den Spint im Freibad geöffnet und geschaut, ob ich denn wieder neue „Matches“ habe. Heute kann ich nicht mehr genau sagen, warum. Vielleicht weil ich damals gerade eine Krise mit einer meiner Katzen hatte und deshalb sehr bedürftig im Sinne der Online-Aufmerksamkeit war.
Die erste Quantität, die sich mir auftat, war ein Typ, der nichts Weiter von mir wollte, als mir von Problemen mit einer potenziellen Blondine zu erzählen, weil ich ihm erzählt habe, dass ich Psychologie studiere und er über Tinder sowieso nur Freunde finden wollte. Dem folgten sicher noch ungelogene 50 psychisch höchst interessante Typen, auf die ich jetzt aus Zeit- und Kostengründen nicht weiter eingehen werde.

Leute, die bis zum ersten Date vergessen hatten, dass sie Arbeits- und Wohnungslos sind. Bekennende Kontrollfreaks die bereits in der ersten Stunde mit Überwachung drohen. Verkannte Mathegenies, die nicht Mal bis 3 zählen können. Typen, deren Zweit- oder Dritt-Tinder-Date einen auf Facebook addet. Männer, die mit einem nach der 3. Nachricht mit einem auf ihre Yacht fahren, aber nicht prahlen wollen. Coole aussehende Typen mit Sonnenbrille und Haube, die sich nach deren Entfernung als wandelnder Maulwurf entpuppen, Männer, die einem beim 1. Date eine selbst gebrannte CD schenken und sich im Minutentakt melden, weil sie ihre letzte Beziehung noch nicht abgeschlossen haben. Typen, die sich überhaupt nicht kümmern und einem den Sesam vom Bagel fressen wollen. Alte Männer, die nur darauf warten, dass sie jemand aus versehen nach „rechts“ wischt und dann Romane aus ihrem schon sehr langen Leben preisgeben. Dahergelaufene, die nach der dritten Nachricht aufdringlich werden und Nacktbilder fordern. Tolle Männer, die 1,60 sind. Tolle Männer, die sich keine Zeit nehmen wollen. Tolle Männer, die nur in sich selbst verliebt sind. Zusammengefasst: Viel Suche für wenig Ausbeute. Ich hoffe, ich habe nichts vergessen, wäre wirklich schade darum.

Ich habe immer, wenn ich die App installiert hatte, gewischt und geschrieben, aber getroffen habe ich mich da (ich rede von Sommer 2015 bis Frühling 2016) noch nie mit jemandem aus dem Internet. Eigentlich fand ich das immer sehr arm und bedauernswert, wenn man es nicht in der Realität schafft, jemanden kennen zu lernen. Und eigentlich hatte ich bisher nie ein Problem damit. Außerdem glaube ich an Schicksal und das wartet bestimmt nicht im Internet auf mich. Zudem sagt Mama immer, dass im Internet nur komische Leute sind und ich aufpassen soll. Papa nickt.

*******Diese Textpassage existiert eigentlich gar nicht*******Leider habe ich im Text eine Pause gemacht, da sich mein Hunger und meine leerer Kühlschrank dazwischen gemeldet haben. Außerdem bin ich krank und niese 3 Mal pro Minute und bemitleide mich selbst.*******Diese Textpassage existiert eigentlich gar nicht*******

Irgendwann war ich dann scheinbar arm genug, um mir zu denken, dass vom bloßen Schreiben kein Treffen stattfinden würde und vom Nicht-Treffen auch nicht mehr werden könnte. Da ich aber nach wie vor nicht zwanghaft nach einer Beziehung suche, war der Grund wohl eher Neugier und die Gewissheit, dass auch andere Frauen sich mit Männern aus dem Internet treffen. Sogar Frauen, die ich sehr mag und schätze und die ich nicht in die Kategorie „Hoffnungsloser Fall“ einstufen würde. Doch konkret war es einfach „Bock“ darauf. Ich will noch meinen Kindeskindern davon erzählen, wie cool Oma Nicole war und wie mutig. Natürlich werde ich nicht erwähnen, dass man sich Manches im Leben einfach sparen kann.

Für mein 1. „Quasi-Blinddate“ habe ich mir das Schlimmste ausgemalt. Ich habe mir 3 Optionen ausgemalt, wie das Date sein würde. (Aus diesem Grund habe ich mit 3 Freundinnen und meinen Eltern bis kurz davor kommuniziert)

1. Der Mann ist kein Mann, sondern eigentlich eine perverse 60-jährige Frau, die auf junge Damen wie mich steht.
2. Ich werde gleich nach dem ersten Wortwechsel betäubt und wache in einer slowenischen Gruft wieder auf.
3. Der Mann ist zwar schon ein Mann, aber wesentlich blader (Anm.: österreichische Bezeichnung für fett) als am Bild. Oder er tragt eine Brille (und ich hasse Brillen), hat eine Glatze, ansteckende Hautirritierungen, ist stinkig und ungepflegt, oder hat sonst einen Schaden, der so groß ist, dass man ihn bereits beim 1. Date entdeckt.

Doch es kam anders, als man denkt. Der Mann war gut aussehend, man wusste was zu reden, kam ursprünglich aus der gleichen Gegend, hatte denselben Humor, war sarkastisch, bezahlte mein Getränk, begleitete mich zur Arbeit, verabschiedete sich höflich und fragte nach einem weiteren Date. Meine 1. Online-Date war wirklich ein Erfolg und ich habe (emotional wie ich eben bin) allen geraten, sich auf Tinder zu registrieren. Mein  Tipp danach wäre: Es gibt weitere Wochen und Monate nach dem ersten Date und auch Verhalten zwischen den Dates und überhaupt.
Rechnet man Kosten-Nutzen zahlt sich Tinder einfach nicht aus: Auf 1000 Männer kommt mit Glück einer, der beim 1. Treffen nicht gleich völlig unpassend ist. Dafür beschäftigt man sich jedoch viel zu viel mit der App. Und wenn man mich fragt, wartet die Liebe des Lebens nicht im Internet. Sie wartet im  Zoo, weil sie ein Affe mit Hut ist. Oder so.

Wie jedoch aus allem, habe ich auch aus Tinder wichtige Erkenntnisse gewonnen: Dem Online-Kennenlernen fehlt einfach so viel: man verliebt sich nicht in eine Person, sondern man schreibt und trifft sich danach, ohne Ausstrahlung, Mimik, Gestik usw. mit einzubeziehen. Die Person kann alles sein und schreiben, sie kann einem viel mehr vorgaukeln, als bei einer realen Begegnung. Beim Schreiben kann man sehr viel mutmaßen, jedoch Gewissheit hat man erst, wenn man sich gegenübersteht. Man kann bereits durch Schreiben sehr viel zerstören, weil einfach Mimik und Gestik und die Möglichkeit, sich zu erklären, fehlen.

Es ist natürlich rückblickend nicht verwunderlich, dass man auf einer Plattform, auf der man sich lediglich via Facebook anmelden muss und entweder nach links, rechts oder oben wischen muss, nichts Passendes findet. Und mit passend meine ich eher jemanden, der selbstständig aufs Klo gehen kann, sich selbst ernähren kann und keine Ansammlung an Rechtschreib- und Soziale Inkompetenzfehlern ist. Nähre Ausführungen gibt es in diesem sarkastischen, unglaublich tollen Text von mir: Bist du mein Traummann?
Natürlich habe ich in Summe auch ca. 5 „normale“ Menschen kennengelernt, mit denen es einfach aus zwischenmenschlichen Gründen nicht gepasst hat. Aber ist es das Wert, seine Lebenszeit auf einer App zu verschwenden, die man genauso gut für Trinkspiele verwenden kann? Mama, Papa und meine Katzen sagen nein. Nein, Nicole! Nein! Nein! Nein! Ich habe keine eigenen Meinung und muss mich ihnen fügen. Peter gibt es übrigens nicht. Wie schade, oder?

Wenn du übrigens wissen möchtest, wie man sich bei einem schlechten Blind-Date verhält: Verhaltensregeln für ein schlechtes Blind-Date. Vielleicht fragst du dich auch, wie du dich am Besten zu einem Horrordate machst? Arbeitest du für eine versteckte Kamera-Show?

Tinderlose Grüße,
Eure Nicole

 


Folgen Sie mir diskret und unauffällig ❤


 

Tinderhorst

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15 Gedanken zu “Tinder – Resumee und Selbsterkenntnis

    • Ich finde, man muss differenzieren. Und das Internet hat auch viele Vorteile.
      Ein Nachteil daran ist definitiv, dass die Leute online weniger Scham empfinden…. Egal ob Dating, Blog oder sonstwo.

Platz für wertschätzend formulierte, reflektierte, zum Thema passende und nicht romanartige Äußerungen!

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