Kolumne: Darf ich bitte essen, was ich möchte?

Ein Blick in ein Beauty- und Lifestylemagazin genügt und du weißt ganz genau: Alles, was du machst, ist falsch. Du bist zu dick, zu ungeschminkt, falsch gekleidet und vor allem eines – falsch ernährt.Doch mehr dazu unter folgendem Link. Heute geht es mehr um die Frage: „Warum darf ich nicht einfach essen, wie und was ich will?“. „Iss dich schlank“. „Iss dich reich.“ „Iss dich glücklich.“ „Du isst was du isst“. (Ja, ich weiß, es heißt du bist – gratuliere). Ja was denn nun? Soll ich mich glücklich oder schlank essen? Muss schlank gleich glücklich sein? Und was, wenn ich gerne blad (Anm.: Österreichisch für dick) und ungesund lebe?

In meinem Fall ist es zwar nicht so, dass ich ganzjährig ungesund esse, aber ich habe Phasen im Jahr, wo ich einfach zu wenig Ressourcen habe, meine Ernährung auch noch auf Ernährungsberater-Niveau zu halten. Da esse ich dann viel helles Mehl, viel Herausgebackenes und alles ist in solchen Zeiten mit Käse überbacken (manchmal würde ich auch gerne meine Lernunterlagen einfach mit Käse überbacken, in Mayo tunken und essen, um sie nicht mehr lernen zu müssen) und relativ ungesund.
Alle Beautybloggerinnen, die es leider nicht geschafft haben, Fitnesstrainer, Model, Ernährungsberater oder sonst was seriöses zu werden, würden die Augen überschlagen. Wie kann sich eine Frau bloß so gehen lassen?

Ich schäme mich selten bis nie öffentlich, deshalb schäme ich mich still und heimlich in mein Pölsterchen und weine mich in den Schlaf, weil ich nicht Mal als Teenager ins XS gepasst habe. Schuld daran ist bestimmt mein Essverhalten, das überhaupt nicht gesellschaftskonform ist. Die Norm derzeit ist nämlich gerade vegan. Vegan hier, vegan da….. Hauptsache die Welt sieht zu, wie man seine Ernährung auf etwas umstellt, dass man im Geiste noch nicht Mal erfassen kann. Wichtig ist, dass es jeder weiß.

Meine Wenigkeit war premodern, wenn auch nicht ganz premodern: Ich bin nämlich seit fünf Jahren Vegetarierin. Ich bin mir nicht sicher, ob ich stolzer drauf bin, auf Tiere als Genussmittel verzichten zu können, oder ob es mich stolzer macht, aus eigenen Beweggründen ein Zeichen setzen zu können. Oder auf die Tatsache, dass ich nicht all meine Einstellungen und Werthaltungen aufzwängen muss und ich es auch ohne „Begleite mich in mein neues vegetarisches Leben“ schaffe, Tiere als Lebewesen mit Gleichberechtigung auf Leben zu sehen.

Was ich aber wirklich an mir schätze und hier ist ist auch keine Ironie drinnen, ist die Tatsache, dass ich noch nie jemanden bekehren wollte, ebenso Vegetarier zu werden. Ich finde, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Meinen Lebensstil spreche ich eigentlich nur an, wenn es zum Thema Essen kommt und dann auch nur, weil ich kein Fleisch esse oder das Gegenüber fragt, warum ich denn kein Schnitzel, etc. bestelle. Wenn es jemand genauer wissen möchte, dann führe ich aus, was ich an Vegetarismus gut finde. Dies impliziert auch gleich, was ich am Fleisch essen nicht mag. Deshalb gehe ich mit einer gewissen Geringschätzung an Menschen vorbei, die sich als Schwein verkleiden und andere belehren wollen, was sie denn nicht für schlechte Personen sind, weil sie arme Tiere konsumieren. Meine Strategie nennt sich stille Revolution. Das stimmt zwar nicht ganz, aber ich habe mit meiner Art zu leben schon 3-4 Personen zu einem anderen Lebensstil verholfen. Das freut mich und bestärkt mich darin, dass es keinen Sinn macht, sich anderen aufzudrängen und dass Veränderung von Innen, oder eben nicht kommt.

Aus diesem Grund hasse ich es auch, wenn mich jemand belehren möchte. Ein ganz roter Punkt ist es, wenn mich jemand anmotzt, weil ich gelegentlich Ersatzprodukte esse. Zitat  eines ehemaligen Tinder-Geschreibsel: „Wer kein Fleisch isst, braucht auch keine Ersatzprodukte essen. Ich war selbst Mal zweieinhalb Wochen Veganer, weil meine Ex Veganerin war und habe auch keine Ersatzprodukte gegessen.“ Ich lüge nicht, diese Kommunikation hat echt so stattgefunden. Wenn jemand so intolerant gegenüber meiner Ernährungs- und Lebensweise ist und zudem Soja einem Tier (Lebewesen) gleichstellt und den tieferen Sinn hinter Vegetarismus nicht sieht, muss er leider sofort mein Leben verlassen.

Wahrscheinlich passen in so einen Text auch meine Gründe, warum ich seit fünf Jahren auf Fleisch verzichte. Wenn nicht, dann haltet euch einfach die Augen zu. Die Gründe sind über die Jahre immer mehr geworden und ich lasse auch regelmäßig meine Blutwerte checken, um sicher zu gehen, dass mir auch „wirklich nichts“ fehlt, so wie den meisten Menschen, wenn sie länger als eine Woche kein Fleisch essen. Mir fehlt nichts.

Meine Geschichte auf dem Weg zur Vegetarierin:

Ich wollte eigentlich schon vor etwa 10 Jahren aufhören, Fleisch zu essen. Doch bedeutet es (vor allem anfangs) eine große Umstellung im Leben und vor allem eines: Durchhaltevermögen, viel Reflexion und konsequent sein. Da spreche ich noch gar nicht von den Reaktionen des Umfeldes, welches teils Jahre braucht, um zu akzeptieren, dass da jemand was durchzieht, wirklich will und ernst meint und jeglichen „lustigen“ Witz ignoriert. Spannender Weise lernt man mit den Jahren immer mehr Gleichgesinnte kennen.

Tiere waren für mich schon in der Kindheit Lebewesen, die ich wertgeschätzt habe, wie Menschen. Ich war immer sehr traurig, wenn ich wusste, dass die Schweine, Kühe, etc., die man gerade gestreichelt hat, abgeschlachtet werden würden. Noch heute finde ich es pervers, wenn man zu einem Tier eine Bindung aufbaut, (dies nennt man dann Qualitätsfleisch) es gut behandelt und dann abschlachtet, wenn die Zeit reif ist. Was aber noch schlimmer ist, wenn ein Tier ein sehr schlechtes Leben hat, eingepfercht wird, unter starkem Stress leidet und noch dazu mit minderwertigem Futter gefüttert wird. Ich bin normalerweise keine Esoteriktante, aber die negativen Energien des Tieres nimmt man in sich auf, wenn man es verzehrt. Abgesehen davon unterstützt man diese ätzenden Bedingungen, in dem man billiges Fleisch kauft. Auch wenn man teures Fleisch kauft, unterstützt man die Tötung von Tieren, auch wenn vielleicht durch einen „bewussteren Lebensstil“.

Jetzt aber wieder zurück zu mir: Mir hat die Konsistenz noch nie sonderlich zugesagt und jedes Stück Tier, habe ich auf Adern, Knochen und Fett seziert, sodass ich am Ende fast nur noch Beilagen, Sauce und Gemüse gegessen habe. Das einzige, dem ich verfallen war, waren Leberkäse, Salami und Faschiertes. Das qualitativ minderwertigste, was man an Fleisch konsumieren kann. Außerdem weiß man nie, was man hier kriegt. (Von Pferd bis Ratte hat hier alles eine feine Chance, verarbeitet zu werden. Und wem jetzt ekelt, ich sage bloß die Wahrheit).

2011 hat es aber weitaus weniger vegetarische Ersatzprodukte aus Soja bzw. Milchschnitzel gegeben, als jetzt. Damals gab es bei uns Soja geräuchert oder normal. Auf beides habe ich gerne verzichtet und mich ausschließlich von Gemüse statt Fleisch ernährt. Melanzani und Tomaten waren für mich lange Zeit von der Konsistenz her das Fleisch reloaded. Mit den Jahren kamen immer mehr Produkte dazu und heute gibt es sogar eigene Restaurants (meist sogar vegan) und auch Fastfoodketten kommen dem Trend mit Milchschnitzel nach.

Die Anfangszeit war wirklich sehr hart für mich. Vor allem aus zweierlei Gründen: Sich selbst und das Umfeld daran gewöhnen und nicht darauf zu vergessen, dass man jetzt kein Fleisch mehr isst. Außerdem war es mit der Zeit sehr anstrengend, immer wieder aufs Neue zu erklären, warum man denn so leben würde. Wobei es doch auch nett war, dass sich das Gegenüber für die Lebensweise interessiert. Was noch relativ hart war, ist die Tatsache, dass ich die ersten Monate sehr oft von Wurstsemmeln und Leberkäse geträumt habe. Ich habe sie in meinen Träumen regelrecht verschlungen, aber zum Glück in der Realität keinen Drang nach Fleisch verspürt.

Im ersten Jahr ist es mir drei Mal passiert, dass ich unbeabsichtigt Fleisch gegessen habe. Einmal aus Höflichkeit, einmal aus zu viel Promille und einmal aus die Frau hinter der Theke war inkompetent und ich habe ihr vertraut, dass unter dem Gemüse der Veggiepizza keine Salami ist. Das Malheur aus Höflichkeit, war bei langjährigen Freunden, die mich aufgenommen und verköstigt haben, als es mir gerade nicht so gut ging.
Das mit den Promille sollte sich selbst erklären, ich habe einfach so gierig geschlungen und erst nachher gemerkt, dass das Pizzabrötchen mit Schinken belegt war. Und das letzte Mal, als ich Fleisch gegessen habe, war auf einer Pizza in Hamburg. Die habe ich dann aber weggeschmissen, weil die ganze Pizza nach Salami geschmeckt hatte und mir gegraut hatte.

Man kann im Leben manche Dinge nicht ein- oder ausschließen, aber eines kann ich sicher sagen: Ich werde bewusst kein Fleisch mehr essen. Zudem werde ich weiter keine Menschen darüber belehren, warum sie vegetarisch leben sollten. Und ich werde weiterhin keine Einwände gegen meine bewusste Entscheidung, bewusst zu leben, akzeptieren. Das ist für mich Fairness: Leben und leben lassen!
Zusammengefasst kann ich sagen, dass ich es nicht als Notwendigkeit sehe, dass meinetwegen ein Tier leidet oder getötet wird. Es gibt viel anderes, das man essen kann. Wer das nicht möchte, auch okay, solange er/sie mich nicht (mit Halbwissen) belehrt.

Aufklärende Grüße,
Eure Nicole

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Text und Idee: Nicole Inez

 

 

 

 

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