Alltagskabarett: Die Zugfahrt

Es war ein wirklich anstrengender Tag und ich war unbeschreiblich froh, endlich am Bahnhof angekommen zu sein. Somit standen mir nur noch drei Stunden Zugfahrt bevor, was in Relation zu den 12 Stunden, die ich schon auf den Beinen war, wirklich ein Klacks sein sollte. Nun gut. Voll bepackt mit jeder Menge Erlebnissen, habe ich mit meiner Mutter telefoniert. Mein energisches Aufregen über bestimmte Vorkommnisse ließ mich komplett vergessen, wo Vorne und Hinten ist. Nicht nur, aber vor allem beim Zug. Und so fand ich mich vor dem Waggon der „First Class“ wieder, was meinem noch Studentenbudget nicht gut bekommen wäre.

Also war ich mit der Tatsache konfrontiert, mich hinter der Menge anzustellen, um irgendwo einen Sitz im Normalsterblichen-Abteil zu bekommen. Mein übliches „lasst mich durch, ich bin ungut und stinke“, war mir an diesem Tag zu anstrengend. In diesem Moment war mir noch nicht bewusst, was ich für nur 14 Euro geboten bekommen werde. Aus Unlust, Müdigkeit und Angst, stehen zu müssen, habe ich meine bereits weichen Knochen in den nächstbesten Sitz sinken lassen, Mama noch am Telefon. Ich muss anmerken, dass ich normalerweise nie in Öffis länger als eine Minute telefoniere, weil ich das einfach als Stören meiner und fremder Privatsphäre sehe, aber die Geschehnisse dieses Tages machten es zu einer Notwendigkeit.

Ich machte es mir also am Fensterplatz bequem und flüsterte weiter ins Telefon. Keine zwei Minuten später musste ich die Lautstärke jedoch wieder erhöhen, da sich meine „Sitznachbarn und Innen für die nächsten drei Stunden“, indirekt vorstellten: Durch Gepöbel, Alkfahne und ausländerfeindliche Sprüche. Was mich sehr verwunderte, da die beiden Frauen der beiden Männer, thailändischer Abstammung waren und nur gebrochen englisch sprechen konnten. (Zu deren Glück, da ich insgeheim die Befürchtung hegte, dass sie längst schon weg wären, würden sie auch nur ein Wort von dem Gebrabbel verstehen. ) Aber die Liebe kennt ja bekanntlich nur eine Sprache: Die Gefühle.
Es hat nicht lange gedauert, bis ich zu spüren bekam, dass nicht nur Ausländer unerwünscht sind, sondern auch ich unerwünscht bin. Sie gaben mir durch 3-Promille-Gespräche untereinander zu verstehen, dass es eine Frechheit sei, dass ich mich auf ihre reservierten Plätze setze obwohl der ganze Zug frei sei. Ich sei gleich dreist wie „dieser Schickimicki Anzug-Typ“. Die Nebenwirkungen des regelmäßig überzogenen Alkoholkonsums zeigten scheinbar ihre Spuren:
Aus meiner nüchternen Wahrnehmung (ich spreche hier vom Alkoholgehalt im Blut) war der Zug bis auf den letzten Abteil rappel voll und nur ein Platz der beiden besetzt. Da mein Platz der unbesetzte war, durfte ich hier sitzen. (Auch wenn es mehr als berauschend im negativen Sinne war). Normalerweise weiche ich solchen Begegnungen und Menschen aus Prinzip aus, da noch nie etwas Fruchtbares aus einer Konfrontation entstanden ist. Ich bin immer zu nüchtern und zu schüchtern. Doch wie schon beschrieben, war ich an diesem Abend einfach nur noch fertig und froh, endlich im Zug nach Hause zu sitzen.

Um euch einen besseren Eindruck über den Verlauf der Ereignisse zu ermöglichen, schreibe ich sie in chronologischer Weise auf:

18:50: Angezogen wie eine Business Lady und bewaffnet mit Stöckelschuhen (Oh mein Gott, ich hasse Stöckelschuhe soooo sehr), stöckelte ich in die Bahnhofshalle. Ich sehe auf der Anzeige, dass sich mein Zug verspäten wird. Ich denke, dass das typisch für unsere Öffis sei, sage aber nichts, da ich sonst ein Selbstgespräch führen würde.
18:55: Ich denke mit Zorn an den Typen, der mir heute eine Stunde meiner kostbaren Lebenszeit geraubt hat und beschließe, meine Mutter anzurufen, um ihr davon zu erzählen. Meine Mutter hebt ab. (Hätte sie nicht abgehoben, hätten wir eher nicht telefoniert).
19:10: Der Zug rollt ein und hat mehr Waggons, als ich mir gedacht habe. Ich versuche verzweifelt herauszufinden, wo meine Klasse ist. Ergebnis: Genau dort, wo ich nicht stehe. Ich stelle mich hinter der Schlange an und fluche innerlich.
19:15: Ich setze mich auf den erst besten Platz.
19:20: Meine SitznachbarInnen betreten die Bühne (oh, ich meinte natürlich das Abteil).
19:30: Bereits seit zehn Minuten und einer gefühlten Stunde werde ich von Alkgeruch, Schimpfeskapaden und dem Satz, dass mein „Verhalten eine Frechheit sei“, umgeben.
19:40: Das erste Funkloch stört das Gespräch zwischen meiner Mutter und mir. Ich bin dem Wahnsinn jetzt komplett ausgesetzt.
19:50: Einer der beiden Männer klagt laut, dass er ein Bier wolle. Sein Freund macht ihn darauf aufmerksam, dass wir uns im „Tschechnobtei“ (Anm.: Tschechenabteil) befinden würden und es hier nur „grauslich’s Bier“ geben würde. Was natürlich eine Lüge und eine Beleidigung zugleich war. Ein paar Rülpser und das Bier, welches er eigentlich eh schon vor sich stehen hatte, unterstreichten, dass er ohnehin schon genug hatte.
20:00: Die Verbindung funktioniert wieder und ich hebe am Handy ab, um weiter mit meiner Mutter zu telefonieren. Mein Sitznachbar lallt so laut, dass auch meiner Mutter auffällt, dass neben mir jemand sitzt. Sie spricht mich darauf an, was „denn da sei“. Ich muss lachen und flüstere ihr die Wahrheit.
20:10: Funkloch das 2. Wieder muss ich zuhören, was meine Mitmenschen so an geistigen Erbrechen in sich tragen. Jetzt spielen die beiden Herren ein Quiz auf dem Handy, in dem man Hauptstädte und Länder raten muss. Nach jeder richtigen Antwort schreit der Mann es durch den Zug und schaut jedes Mal zu mir rüber und grinst mich an. Ich würde gerne aus dem Fenster springen, das ist aber zu (Vorsicht verstärkte Ironie).
20:20: Ich muss jetzt noch mehr darauf achten, nicht zu laut auszuholen, da mein Nebenmann immer wieder Flirtversuche startet. Ich bin jahrelang geübt im Ignorieren von manch einer menschlichen Existenz, dass jeder irgendwann Mal aufgibt. Den Satz: „Mama, links von mir wäre noch ein Platz frei, schade dass du nicht hier bist“, habe ich mir erspart.
20:30: Der Herr neben mir hat scheinbar Hunger bekommen, er fragt nämlich den Speisewagenfahrer nach einem „Tooousd“ (Anm.: Toast). „I wü an Tooousd“, gab er zu verstehen. Der Fahrer verstand nicht und ich hatte keine Lust zu vermitteln. Insgeheim hoffte ich darauf, dass sich der gute Mann auf bequemen würde und sich seinen „Tooousd“ oder mir egal was, im Restaurant holen würde.
20:40: Er steht auf und geht. Ich freue mich total und hoffe, dass nun etwas Ruhe einkehren würde. Denn sein Freund und dessen thailändische Freundin redeten ohnehin aus Sprachbarrieren nicht viel und ich wollte meine Mutter nicht zum 7. Mal anrufen und nach Musik war mir auch nicht zumute.
20:50: Er kommt wieder. Mit…. Einem Bier. Bier Nummer drei. Die Männer prosten an und trinken es sehr schnell aus. Währenddessen planten sie, wie sie den Geburtstag einer der Frauen feiern würden. „Do geh‘ ma All you can eat zum Chines'“, meinte der Typ neben mir. Ich dachte nur: „Ja, da wird sie sich sicher freuen.“
21:15: Ich habe verpasst, dass mein Sitznachbar in der letzten halben Stunde irgendwann verschwunden sein muss. Der Logik zufolge eben: Er saß nämlich nicht mehr neben mir. Besoffen am Boden lag er auch nicht – er war einfach nur weg. Entspannt atmete ich auf und rief meine Mutter das 8. Mal an, um ihr zu sagen, dass wir unser Telefonat wohl besser auf wann anders verschieben. Wir waren beide schon etwas genervt von den ständigen Unterbrechungen.
21:20-21:40: Der Freund des Mannes, der neben mir gesessen hatte, lag auf einmal auf seiner thailändischen Freunden. Nicht im Paarungssinne, sondern im „Ich-hab-so-viel-gesoffen-und-kann-weder-sitzen-noch-stehen-Sinne“. Um besser zu verstehen, wie arg die Situation war: Die Frau war etwa 150 Zentimeter groß und 50 Kilo schwer. Der Mann war in allem das Doppelte. Vor allem im besoffen Sein. Wie ein Mantra flüsterte sie 20 Minuten lang: „Timi, get up“. „Get up Timi, du bis so schwer“. „Timi, get up“. „Get up Timi, my legs hurt“. „Timi“.
21:40-21:50: „Timi“ schnarcht und stöhnt und atmet seine Alkfahne in meine Richtung. Als er beginnt seine Darmwinde der Öffentlichkeit zu präsentieren, packe ich meine Sachen und stelle mich in den Bereich zwischen den Waggons. Zum Glück sind es nur noch zehn Minuten bis zum Ziel.

Und die Moral von der Geschicht‘: Alkohol vertragt man, oder eben nicht!

Sich erinnernde Grüße,
Eure Nicole

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8 Gedanken zu “Alltagskabarett: Die Zugfahrt

  1. ach Nicole du nimmst es mir doch nicht übel dass ich mich, trotz des empfundenen Mitleids mit deiner misslichen Lage , köstlich amüsiert habe? Ich hoffe dass du dich von deinen Strapazen wieder erholt hast . Ja, in den öffentlichen …. kann man schon so einiges erleben ,live und unzensiert … 🙂

  2. Hallo ihr, wie heißt es doch so schön; eine Zugfahrt die ist lustig eine Zugfahrte die ist schön, denn da kann man … leider weiß ich nicht genau wie es weitergeht. Irgendwas am Schluß mit sehn. Ich denke, ihr habt die Fahrt trotzdem gut überstanden. Das ist der vorteil, wenn man in der Überzahl ist. Alles Gute dann

  3. … hier stehe ich nun und der Bus kommt nicht obwohl er schon seit 10 Minuten in einer Minute da sein soll. Deine Geschichte hat mir die Zeit verschmunzelt… schlimmer geht halt immer „g“

    • Oje, das klingt einerseits mühsam (und wie die Oeffis bei mir in der Gegend), aber andererseits freut es mich, dass ich dir deine Zeit „verschmunzelt“ habe 😉

Platz für wertschätzend formulierte, reflektierte, zum Thema passende und nicht romanartige Äußerungen!

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