Der „perfekte“ Mann im Wandel meiner Gezeiten

Ich möchte mich vorweg bei allen Menschen entschuldigen, dass ich diesen Beitrag überhaupt schreibe. Heutzutage ist ja schließlich schon vorweg alles eine Frechheit. Also tut es mir Leid, dass ich wegen meiner sexuellen Orientierung nur auf Männer eingehe, aus der Sicht einer Frau. Einer einzigen Frau. Oh, wie schrecklich und unreflektiert. Bitte haltet euch beim Lesen die Augen zu. Zur Aufklärung: Dieser 1. Absatz war reine Gesellschaftsironie und ist mit keiner Faser ernst gemeint.

Zusätzlich muss ich noch aufklären, dass der „perfekte Mann“ sich aus meinem Erleben bisher beschreibt und dem Erleben meiner Umgebung und der Umgebung meiner Umgebung. Abweichungen davon können gerne ins persönliche Tagebuch geschrieben werden. Mit dem Wort Gezeiten ist mein eigenes Altern gemeint. Nur, damit ihr auch versteht, was ihr anschließend lesen werdet.

Ich schätze Mal, dass sich bei jedem Menschen, egal welche sexuelle Orientierung und welches Geschlecht, von der Kindheit bis zum jungen Erwachsenenalter (Vorsicht, Begriff aus der Psychologie) einiges getan haben wird. Damit meine ich vor allem eines: Veränderung. Veränderung in der Vorliebe, den Vorstellungen und in überhaupt allem. Zumindest war das bei mir so. Meine Utopien als 13-Jährige, lassen sich nicht mehr vergleichen mit heute. Dazwischen liegen ein paar Jährchen, ein bisschen Erfahrung, ein bisschen Weisheit, ein paar Paar verheulte Augen und durchgemachte Nächte und vieles mehr. Das Erschreckende: Keine dieser Erfahrungen hat mich jemals weggebracht von meiner schonungslosen Naivität, Romantik, Gutgläubigkeit und dennoch Direktheit. Ich glaube an die wahre Liebe. An den Mann, der passt wie sonst kein anderer. Punkt! Und an Einhörner!

Darum geht es jedoch nicht vorrangig, deshalb schildere ich euch einen prototypischen Verlauf der Vorstellung von einem potenziellen Traummann.

Kindheit: Papa kann alles. Papa weiß alles. Papa ist toll.

Frühe Pubertät: Oh mein Gott. Es gibt etwas anderes als Freundinnen: Es gibt Männer. Sie habe irgendwas, das Frauen nicht haben. Ich möchte diese bisher fremde Spezies erkunden. Alles an ihnen. Ich bin mir nicht bewusst, dass die Welt nicht rosa und voller Glitzer ist (dessen bin ich mir zwar auch jetzt noch nicht bewusst, aber Schwamm drüber). Ich tapse dumm und naiv in ein Fettnäpfchen nach dem anderen. Es gibt meines Wissens und meiner Erfahrung nach keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. Alle Männer sind lieb und man verliebt sich in alles, was einem altersmäßig und auch sonst in die Nähe kommt. Danke dir, liebe Pubertät, alles was männlich ist, ist automatisch toller, als jemals zuvor. Wie Säuglinge in einer gewissen Entwicklungsphase alles in den Mund stecken und/oder abschlecken, schmust man in der Pubertät alles ab, was neu ist. Man kann und will sich nicht so richtig für etwas entscheiden, weil man weder Vorstellungen noch Interesse an was Ernstem hat. Außer vielleicht an 13 Stunden Schlaf oder einer Flasche Wodka.

Mitte der Pubertät: Wow toll, es gibt zwar viele Männer, aber ich habe einen gefunden, der irgendwas an sich hat, was mich denken lässt, er sei besser als die anderen. Deshalb gehe ich eine Beziehung mit ihm ein. Ich denke nicht nach, sondern tue einfach. Beziehungen passieren einfach (Achtung: Manche Menschen kommen aus dieser Phase nie wieder raus und alles im Leben passiert schicksalhaft. Aber das ist ein anderes Thema). Ich weiß nicht wirklich, wer ich bin oder was ich will. Mir ist auch nicht bewusst, worauf eine Beziehung basiert und ich habe auch noch nicht die geistige Kapazität oder Gabe zur Selbstreflexion, um das zu begreifen. Ein paar Wochen später bin ich mit jemand anderem zusammen, weil ich mich neu verliebt habe. Das geht ein paar Mal so, sich verlieben ist toll. Juhu-*schmusischmus*.

Ende Pubertät: Ich habe viele Männer gesehen, ach wie toll. Aber ich will jetzt eine richtige Beziehung, mit dem richtigen Mann. Ich bin nun fähig, selbst reflektiert zu handeln. Es passieren weniger Dinge einfach so, ich kann ungefähr steuern, was passiert oder was nicht.  Trotzdem habe ich mir niemals überlegt, was für mich in Beziehungen wichtig ist. Oder wer ich bin oder sein will. Ich weiß es nicht. Aber du zeigst es mir und ich dir. Das ist toll. Du bist toll. Sind wir nicht toll? Langsam verschmelzen wir zu einer grauen, traurigen Masse. So wie alle Paare, die in einer Phase zusammengekommen sind, in der sie noch kein eigenständiger Mensch waren. Seit ich begonnen habe, mir Gedanken zu machen, was ich eigentlich möchte, bin ich drauf gekommen, dass du es nicht bist. Ich trenne mich von dir.

Ich möchte einen nach Hipster aussehenden, sozialen Philosophen, mit Dreitagesbart und genauso hohem Einkommen. Wenn möglich, sollte er in 3 Bands spielen und eine lyrische Ader haben. Bitte aber nicht zu viel unterwegs sein und wenn möglich weniger als fünf Frauen gleichzeitig haben. Er soll romantisch sein, aber nicht schnulzig. Er soll akzeptieren, dass ich gern weggehe, aber selbst sehr erwachsen sein und kein Problem damit haben. Ein paar Tattoos wären cool, aber vom Charakter her sollte er schon bodenständig sein. Ich möchte gern ein Alpha-Männchen, aber er sollte nicht zu viel bestimmen, wo es langgeht. Kritisch sollte er auch sein, aber nur, wenn es nicht um mich geht. Ich warte solange, bis dieser Mann vor mir steht. Bis dahin projiziere ich diese Eigenschaften in einen unnahbaren Mann und unterstelle ihm, Jesus zu sein. Ich vermeide es, mich mit Männern zu treffen, die nicht alle Kriterien erfüllen. Also treffe ich mich mit niemandem. Zum Glück habe ich so genügend Zeit, um mir noch mehr Must-haves einfallen zu lassen. Vielleicht komme ich ja mit meiner Liste ins Guiness Buch der Rekorde.

Junges Erwachsenenalter: Nun bin ich schon eine Weile single und habe nicht gemerkt, dass die Zeit vergeht. Es hat mich auch nicht interessiert, da ich mit Selbstfindung beschäftigt war. Also beschließe ich, dass ich mich auf die Realität einlasse und mich mit Männern treffe. Die Realität ist ein kotzegelber Höllenhund mit drei Köpfen und 78 Zähnen. Ich wünsche mir die Naivität meiner Jugend zurück und warte aber gleichzeitig darauf, dass Mr. Utopie doch noch in mein Leben tritt. Nebenbei treffe ich mich weiter mit Männern, um zu merken, dass man froh sein muss, wenn sie überhaupt über die Grundlagen menschlichen Seins verfügen: Mit zugemachtem Mund essen, bitte und danke sagen, nicht untergriffig werden, sich regelmäßig waschen und allein aufs Klo gehen können. Wer wissen möchte, wie ich auf sowas komme, kann gerne hier nachlesen: Dating-Erlebnisse der anderen Art.

Ich entscheide mich also dafür, ein wenig in der Realität zu stöbern und meine Ansprüche damit abzugleichen. Ich habe erkannt, dass meine Ansprüche nur Zeichen dafür waren, dass ich keine Beziehung möchte. Im Internet lese ich, dass man seine Ansprüche auf 5 Punkte, die ein Mann unbedingt haben soll und 5 die er auf gar keinen Fall haben soll, beschränken sollte. Deshalb streiche ich 1795 Punkte von meiner Liste und gebe mich nur noch meiner Oberflächlichkeit das Aussehen betreffend hin: Alle Zähne, keine braunen Zähne, möglichst kein Hinkebein und nicht weniger oder mehr als zwei Augen. Plötzlich treten einige neue Männer in mein Leben. Ich kann es nicht glauben.
Aber ich merke auch, dass es in 80 Prozent der Fälle einen argen Grund hat, warum jemand mit 35+ noch allein ist und noch nie wirklich eine Beziehung hatte. Ich merke, dass unsere Gesellschaft nicht mehr auf Zusammenhalt und Beziehung ausgerichtet ist. Sondern auf Erneuerung, Verbesserung, auf sich selbst schauen und wegwerfen statt reparieren. Umso mehr ich aus dem Genuss des Singlelebens rauskomme, desto mehr wird mir bewusst, dass ich geistig in einem anderen Jahrzehnt wohne. In einem, wo andere Werte oder überhaupt noch Werte zählen. Vielleicht wird meine Altersbegrenzung künftig zwischen 50 und 80 liegen.

To be continued.

 

Selbstironische Grüße,
Eure Nicole

 

kotzegelber_hoellenhund

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