Kolumne: „Fühlst du dich sicher, so ohne Helm?“

Es gibt immer wieder Momente im Leben, da bin ich mir nicht ganz sicher, ob es sicher ist für manchen Leute, dass sie nicht in Watte gehüllt und mit Helm versehen, durch die Welt gehen. Die letzten Wochen hegte ich diese Vermutung so ziemlich täglich. Aufgerundet 20 Mal, abgerundet 18 Mal. Auf jeden Fall zweifelte ich sehr oft daran, dass es noch Menschen mit zumindest noch 1/4 Hausverstand oder zumindest der Fähigkeit, Sätze sinngemäß zu erfassen, gibt! Was ist passiert? Eigentlich was ganz banales: Ich habe meine Wohnung inseriert und sie auf Facebook geteilt.

Wie immer und überall im Leben habe ich so meine Vorstellungen, wie die Dinge in etwa laufen werden (weil ich zu oft von mir, oder meinem Umfeld ausgehe). Meine Gedanken in Nichtexistenzia, Hauptstadt Illusoria, träumte ich davon, dass die Wohnungssache in etwa so abläuft:

  1. Ich inseriere meine Wohnung, mache zahlreiche Bilder. Beschreibe die Lage, beschreibe die Einrichtung, die Größe. Zähle sogar jeden Raum auf. Sage, wie viel was kostet. Stelle klar, dass ich nur per Nachricht fragen beantworte, gebe genau an, was in der Wohnung bleiben wird. Leite weiter, dass der Vermieter Einkommensnachweise der letzten drei Monate möchte und beschreibe sogar Spinne 1-3 so genau wie möglich, damit es keinen Grund mehr für viele Fragen gibt und ein klares Bild entsteht.
  2. Daraufhin werden sich ca. 20 Leute melden, weil sie eventuell noch ein paar Fragen haben, weil ich sicherlich irgendwas im Inserat vergessen habe, anzugeben. Davon werden in etwa 10 Besichtigungen entstehen.
  3. Eine Person wird dabei sein, der die Wohnung sofort so gut gefällt, dass sie zusagt. Oder zumindest einen Tag später. Es sind ja schließlich nur noch 1,5 Wochen Zeit und wir wollen beide Gewissheit.

Die Realität war jedoch ganz eine andere. Abgesehen davon, dass mir ungelogene 100 Leute das Wort „PN“ (was so viel heißt wie Privatnachricht) unter meinen Post geschrieben haben, waren die Fragen, die sich dazuschummelten einfach nur dumm. Ja, schlicht und einfach dumm. Fragen wie „Wie groß ist die Wohnung“ auf ein Inserat mit „Vermiete 30m² große Garconniere ab 1. März“. „Oder wie viele Zimmer hat die Wohnung“ bei 1. Angabe ALLER Räume und 2. dem Wort Garconniere. (Wer weiß warum, bekommt ein virtuelles Zuckerl)
Abgesehen davon, dass es kein „bitte“ und „danke“ mehr zu geben scheint, erschließt sich mir der Sinn hinter „PN“ einfach nicht. Vielleicht ist das so ein Spiel? Bis einer was anderes schreibt, muss jeder der mitmacht Schnaps trinken? Auf jeden Fall habe ich von all diesen Menschen nie eine Nachricht erhalten.

Dann gab es ca. weitere 50 Personen, die einfach ihre Freunde verlinkt haben. Was ich noch am aller ehesten unter all den anderen Methoden verstehe. Davon hat sich jedoch auch keine einzige gemeldet.

Kommen wir nun zu den Nachrichten, die mich erreicht haben. Diejenigen, die ich aufgrund nicht vorhandener Rechtschreibung nicht entziffern konnte (oh und nein, ich spreche hier nicht von Leuten, die nicht deutsch lernen wollen, sondern von Leuten, die 50 Jahre Zeit hatten, es zu lernen). Mein Lieblingswort war „tele vonnr.“. Ich habe es mit Telefonnummer übersetzt.

Nachdem ich also geschätzte 40 Nachrichten gelöscht habe, weil ich sie nicht entziffern konnte und ich mir keinen Ägyptologen leisten kann, der mir Hieroglyphen übersetzt, habe ich allesamt panisch gelöscht, um mich der weiteren Kategorie zu widmen. Habe ich schon erwähnt, dass ich ca. 15 Freundschaftsanfragen bekommen habe innerhalb der ersten Stunden nach Freischaltung des Inserats? Nein? Also nein, aber ja: Habe ich! Erhalten!

Die zweite Kategorie an Nachrichten war jene, die man zwar lesen konnte, aber man sich nachher gewünscht hat, es nicht getan zu haben. Oh mein Gott, was sind manche Leute creepy! Hier meine Highlights.

  • Eine Frau oder Mann (mit Katze als Profilbild) hat mich gefragt, ob die Wohnung denn dort und da liegen würde. Er/sie würde nämlich anhand der Färbung der Dächer erkennen, wo genau die Wohnung liegt. Jeder Satz endete mit einem Katzen-Emoji. Oh yeah!
  • Eine andere hat mich angeschrieben und mich in jedem Satz angelogen. Lustigerweise hat sie meine derzeitige Firma als Arbeitgeber angegeben, ich habe sie aber noch nie gesehen. Die zweite Lüge, oder der zweite Satz (ich bin da nicht so streng) war, dass sie „psychologische Beratung“ studiert. Hand aufs Herz oder ins Feuer: In ganz f*****g Österreich kann man das nicht studieren. Aber who cares?
  • Eine andere war wiederum auch sehr interessant. Es war eine Mutter, die für ihre erwachsene Tochter eine Nachricht geschrieben hat. Sie war hochschwanger und hat Probleme mit ihrem Mann, deshalb suche sie DRINGEND eine Wohnung. Gleich die Frage, wann sie einziehen könne.
  • Etwa fünf Menschen haben sich gleich selbst eingeladen, weil sie gerade in der Nähe waren. Oder haben gleich von sich aus einen Termin vorgeschlagen. Sehr, sehr sympathisch.
  • Ein junges Mädchen hat mir geschrieben, dass morgen ihre Eltern vorbeikommen und sich die Wohnung anschauen, weil sie gerade im Ausland ist. Das war auch diejenige, die bezüglich meiner Wohnung ein Verhör starten wollte, da sie diese unbedingt haben wollte. Leider musste ich sie blockieren, auch wenn sie ganz bestimmt die perfekte Nachmieterin geworden wäre.

Ich war jeden Tag schon sehr grantig und bei jeder „Nachrichtenanfrage“ auf Facebook, zuckte ich zusammen. Gegen Ende habe ich schon mit Freunden gewettet, welche Frage denn jetzt wieder dran sein wird. Oft hatte ich sogar Recht. Doch wer denkt, dass sich die Geschichte damit aufgehört hat, der irrt!

Zwei Männlein zeigten den festen Entschluss, einziehen zu wollen (unabhängig voneinander). Der eine war zwar so ganz pflegeleicht, aber man musste ihm mit wüsten Drohungen (achtung Scherz) aus der Reserve locken. Denn nach dem Wort „Einkommensnachweis“ war er verschollen.
Der zweite Typ war eine Begegnung der etwas anderen Art. Eigentlich wollte ich ihn gar nicht einladen, da er mir schon von Anfang an suspekt war. Er war einer der Kandidaten, der sich selbst einladen wollte und mir eine Anfrage schickte.

Da ich aber schon ziemlich verzweifelt war, habe ich ihn dann doch eingeladen. Zusammenfassend kann ich sagen: So viel Unterhaltung für so wenig Geld. Als ich ihn darauf aufmerksam machen musste, dass er bitte die Schuhe ausziehen soll, weil Regen, konterte er nur: „Normalerweise sagen die Leute immer, lass sie ruhig an….“ Ich musste die Musik abdrehen, damit er lauschen könnte, ob die Wohnung eh komplett lärmsteril (nein das Wort gibt es wirklich nicht) ist. Als man kurz ein Geräusch hörte, nachdem ich ihm versichert hatte, dass es die ruhigste Wohnung ist, die ich seit langem erlebt habe, schüttelte er den Kopf.
Außerdem musste er alle Türen zu- und wieder aufmachen. Zu- und wieder aufmachen. Wäre er noch länger als diese dreiviertel Stunde geblieben, hätte ich eine mögliche Zwangsstörung ein- oder ausschließen können. Mit dem Wunsch, dass die Küche ausgetauscht werden muss, versicherte er mir, dass er die Wohnung nehmen wird. Daraufhin folgte jedoch der Wunsch, die Wohnung nochmal mit dem Makler zu besichtigen. Ich müsste zwar ein Monat umsonst zahlen, aber ich würde sogar 500 Euro beim Fenster rauswerfen, bevor ich mit dieser Person jemals wieder was zu tun haben müsste. Gottseidank hat er selbst abgesagt.

Ein weiteres Highlight war eine Frau, die mit zwei anderen Leuten am falschen Tag sturmgeläutet hatte und sich nicht mal dafür entschuldigt hat. Die Begrüßung war: „Sads ihr do ausländerfeindlich?“ (Ich liebe Menschen die Keulen schwingen). Ein paar Minuten später war klar, warum sie diese Frage gleich Mal vorweg in den Raum geschossen hatte: Ihre Begleitung und Wohnungsinteressent (der mich by the way komplett ignoriert hat und nur mit der Frau geredet hat, während die dritte Person meine Wohnung mit den Augen abgezeichnet hat) lebte von Mindestsicherung. Diese wäre aber weniger als die Kosten pro Monat. Die Tatsache ließ sie aber nicht abschrecken!

Bei den Besichtigungen ist mir außerdem aufgefallen, dass nur eine Frau es geschafft hat, die Wohnung allein zu besichtigen. Alle anderen kamen im Rudel oder mit Freund, der eigentlich gar nicht der Freund ist. Diese Thematik bekommt einen eigenen Beitrag, weil ich einfach verwundert bin, wie mittelalterlich der Alltag doch noch aussieht, obwohl wir ja bereits alles und jeden gendern.

Ich bin wirklich schockiert, wie unhöflich viele Leute sind. Kein „bitte“, kein „danke“, keine Umgangsformen. Besichtigungstermine werden nicht wahrgenommen, oder eine Stunde vorher abgesagt, mit Begründungen, die mein Stirnrunzeln chronisch machen. Abmachungen nicht eingehalten. Ich habe mir nichts besonderes erwartet, aber auf keinen Fall sowas unmenschliches.

Deshalb meine Überlegung: Beim Skifahren herrscht seit Jahren Helmpflicht – warum denn nicht auch im Alltag?


Besuche Nicole Inez – Deine PsychoLogin auch auf:

1487807947_facebook_social_media_logoFacebook
1487808061_twitter_social_media_logoTwitter
1487808326_pinterest_social_media_logoPinterest
1487808005_instagram_social_media_logoInstagram
1487808025_google_social_media_logoGoogle+
1487809166_blogger_social_media_logoBloglovin

Advertisements

Ein Gedanke zu “Kolumne: „Fühlst du dich sicher, so ohne Helm?“

  1. Pingback: Zeit-Signaturen | form7

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.