Rollenwechsel: Eine Stunde als sportliche Frau

Ich bin eigentlich ein sehr sportlicher Mensch, der sich gerne bewegt. Leider verdecken das meine Speckröllchen und Reserven, die sich liebevoll an meinem Körper verteilen. So beschränkt sich mein Bewegungsdrang in den letzten Monaten auf ein paar Wege – diese sind aber wirklich regelmäßig und werden strikt eingehalten: Aus dem Bett ins Bad, vom Bad zum Kühlschrank, vom Kühlschrank auf die Couch, von der Couch auf die Terrasse. Für wen das jetzt so klingt, als wäre ich derzeit etwas träge, dem muss ich sagen, dass der Eindruck täuscht. Ich gehe wirklich auch über meine Grenzen. Mehrmals pro Woche verlasse ich die Wohnung, um meinen Wegen in den eigenen vier Wänden eine tiefe Bedeutung zu geben: Ich gehe einkaufen. Abends bin ich besonders willenstark. Da gehe ich zur Bim und auch in Lokale. Auch dort bewege ich mich an die Bar, auf die Tanzfläche oder auf die Toilette (wenn es sein muss und mein innerer Schweinehund das „Okay“ dafür gibt).

So, Spaß und Ironie beiseite (also für einen kurzen Moment nur natürlich). Die Wahrheit ist, dass ich aus diversen (nicht perversen) Gründen, einfach selten Lust habe, Sport zu machen. Ich habe viele tolle Ausreden, um mich immer wieder davor zu drücken, mich z.B. in ein Fitnesscenter anzumelden. Auch wenn ich weiß, woran es liegt, fällt es mir schwer, das zu ändern. Theoretisch weiß ich als angehende Psychologin ja alles und fast immer alles besser (Vorsicht, Selbstironie!), doch ich müsste glaube ich noch 4 Mal Psychologie studieren, um meine Menschlichkeit zu verlieren. Somit könnte ich nämlich einfach all meine menschlichen Schwächen beiseite lassen. Das vermuten nämlich 61,25 Prozent der Menschen. Mit unreflektierten Aussagen wie: „Naja du studierst ja Psychologie…. Du musst das ja wissen, wie das geht.“ Natürlich, ich bin eigentlich Jesus, nur sage ich das keinem, ich werde nicht gerne verehrt. Also muss ich weiter so tun, als wäre ich nur ein Mensch wie du und ich.

Manchmal beobachte ich dann Profile von Menschen, die ständig posten, wenn sie sich irgendwie bewegen. Das wiederum hat mich bewegt. Ich dachte mir: „Nicole, das kannst du auch. Wie wäre es, wenn du heute deine Laufkleidung aus dem Keller holst, dir einen sportlichen Zopf machst, dir dein Handy schnappst und einfach Mal in die Rolle einer super aktiven Person schlüpfst? Dann machst du einfach ein Selfie von deinem Gesicht und deinen Schuhen, legst einen Filter drüber und hoffst, dass dich jemand bestärkt.“ Gedacht getan. Ich schnappte mir also mein Sportgewand, schaute, wie viel davon ich aufgrund welcher Temperatur anziehen sollte, nahm meinen Schlüsselbund, der aus 20 Schlüsseln besteht und mein Handy. Ich möchte auch gerne in meinen Kopf mitnehmen und euch beschreiben, wie es mir als sportliche Insta-Poserin gegangen ist.

Boah, bin ich vielleicht unmotiviert, aber ich sollte mich einfach Mal wieder bewegen. Der nächste Sommer kommt bestimmt und du jammerst sonst wieder die ganze Zeit, dass du dich nicht wohl fühlst in deiner Haut. Du bist noch in keinem Fitnesscenter angemeldet, also geh zumindest laufen. Sollte ich schon im Lift ein Selfie machen, damit ich allen zeigen kann, wie sportlich ich bin? Ja, schießen wir Mal ein Bild. Oje, bist du blass. Du solltest nicht nur ins Fitnesscenter, sondern auch ins Solarium. Warum knarrt der Lift eigentlich so? Ich mag ihn nicht. Ich mache die Tür zur Straße auf und verlasse mein Wohngebäude
Boah, es ist kalt draußen, aber wenn ich mich bewege, wird mir sicher warm. Ich überquere die Straße und gehe und gehe und gehe und gehe. Mittlerweile habe ich schon 4 Straßen überquert.

Ich sollte endlich anfangen zu laufen, sonst gehe ich die gesamte Strecke zu Fuß und hab keine mehr zum Laufen. Wah, ich sehe mit dieser Brille so schlecht, voll blöd dass ich auf meine andere drauf gestiegen bin. Ach Gott, ein Pärchen, könnte das vielleicht Platz machen, für arme unsportliche Frauen? Der Boden ist einfach viel zu schlecht zum Laufen, ich gehe noch ein Stück. Vorne bei dem LKW fange ich dann an zu laufen. Warum sind hier so viele Blumen zum Verkauf am Straßenrand? Aja, da ist ein Friedhof. Irgendwie schräg, die Menschen in ihrer Bedürftigkeit aufzulauern und damit ein Geschäft zu machen. Aber irgendwie auch praktisch gedacht. Ich habe nun schon die dritte Playlist begonnen und keine davon motiviert mich. Vor allem die eine mit dem Text zu einer verlorenen Liebe nicht.

Warum habe ich das mit der Playlist nicht eigentlich vorher geregelt? Wahrscheinlich weil ich das letzte Mal per Zufall eine passende gefunden habe. Oh mein Gott, wie sehr nervt eigentlich dieser Schlüsselbund. Ich greife mir unter den Pullover und fühle mich leicht komisch. Aber ich muss eine ideale Position für meine, gefühlt 100 Schlüssel finden, damit sie nicht ganze Zeit klimpern.
So, nach der Frau mit dem Kinderwagen, beginne ich mit dem Laufen. Ach, nein doch nicht. Hier sitzen so viele Männer, die mich gerade anstarren. Wenn ich vor ihnen umfalle aus Atemnot, wäre das peinlich. Würden sie mir helfen? So, nach der nächsten Laterne beginne ich. Aber hinter mir ist eine Läuferin, die ich zuerst vorbei lasse. Sie sieht so fit aus und ich will nicht gleich am Anfang überholt werden. [Vorspulen bis zum Moment vom Ende des Laufs]

So, heute war echt nicht mein Lauf-Tag. Aber wann war der eigentlich jemals? Egal, ich poste jetzt ein Selfie von mir. Oje, ich bin zwar nicht mehr blass, aber rot wie eine Tomate. Egal, ich schmeiße einfach einen Filter drüber. Welche Hashtags verwendet man da eigentlich? Ich werde es nicht übers Herz bringen, das ernsthaft zu posten. Es macht doch keinen Sinn, oder doch? Scheinbar schon, sonst würden es nicht so viele Leute tun und Leute liken. Was wohl die Leute denken, dass ich schon das 5. Foto von mir selbst mache und alle 3 Meter stehen bleibe?

Wahrscheinlich nichts, weil sie entweder selbst auf ihr Smartphone starren oder sowieso nur mit sich selbst beschäftigt sind.

Mein Resumee: Laufen ist anstrengend, dabei auch  noch Bilder von sich zu machen noch viel anstrengender und der Sinn dahinter erschließt sich mir nach wie vor nicht. Es war eine sehr spannende Erfahrung, die mir wieder Mal gezeigt hat, dass es mir mit mir selbst nie langweilig wird!

Erstaunte Grüße,
Eure Nicole

Advertisements

Ein Gedanke zu “Rollenwechsel: Eine Stunde als sportliche Frau

  1. Pingback: Rollenwechsel: 2 Stunden als sportliche Frau | Psychologie & Satire

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.